Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1883)
- Article
- Aus den Memoiren eines Bettlers
- Date
- 1883-03-08
- Page
- 154 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2932754-2932996-2933007-2952154--12100-2952197- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
154 3dj baute große Hoffnungen auf diesen Plan. Mit diesen hundert Thalern, so malte ich mir auS, wurde meine Frut einen Handel treiben können, der j0 viel doch wenigstens abwerfen möchte, daß ich die von mir zu leistende Beihülfe für die Ernährung der Familie etwas zu schmälern in die Vage käine. Würde ich dann sortsahren, gleich eifrig und fleißig zu betteln unb gleich enthaltsam zu leben, so wäre es ja möglich, daß ich endlich ein kleines Kapital beisammen hatte, um irgendwo ebenfalls ein Gewerbe ansznüben. $ott könnte meiner Iran und mir wiederum Glück;u theil werden lassen; — vielleicht — unendlich seliger Gedanke! — wäre ich int Stande, die Meinigen zu mir zu rufen — alles Elend wäre vergessen, aller Jammer zu Ende — ich hätte grau und Kinder wieder, — hätte eine Heimath wieder, — wir wären glücklich, — so unaussprechlich glücklich! — — Mit eiserner Willenskraft verfolgte ich diesen Plan; ich gönnte mir nicht Üiaft noch Nahe, ich beschränkte unuachsichtlich meine ohnehin geringen Bedürfnisse — zwanzig Monate lang; das herrliche Ziel, welches meinen Anstrengungen und Entbehrungen als schönster Vohn winkte, lies; mich alle Schwierigkeiten vergessen. Ohne die gewohnten Sendungen nach Rußland verringert zu haben, hatte ich mir schon fünsnndachtzig Thaler zurückgelegt; — ich hütete diesen Schatz als das '.Wittel zur 'Begründung des Glückes für uns Alle: ein kleiner Beutel, welchen ich unter meinen Gewändern trug, umschloß dieses theure Gut. — Es war in der Thal ein thener erkauftes Gut — laßt mich schweigen von dem Kampfe, von der Erniedrigung, von der Entbehrung, unter welchen ich es errungen! Mit keiner Silbe hatte ich dessen in meinen Briefen erwähnt — die hundert solltett voll sein, dann erst wollte ich mit Uebersendung des Schatzes dessen Existenz kund geben.- An einem heißen Julitage wunderte ich die schattenlose Vandstraßc entlang; die Sonne brannte heiß über meinem Haupte; ich fühlte mich schwach und matt und setzte mich am Wege nieder, weil die Füße ihren Dienst versagten. Es war mir sehr elend zu Mnthe; ich empfand ein Schwinden meiner .Kräfte; es war mir umnöglich, mich wieder zu erhebett; — ich verlor das Bewußtsein. Als ich wieder zu mir kaut, befand ich mich in einem Hospitale. Ein Vanddragoner hatte mich ohnmächtig am Feldraine gefunden und meine Transportirnng in den nächstgelegenen Ort veranlaßt. Ter Arzt erklärte, ich sei vollständig entkräftet; ich müsse mir Jahre lang das Nolhwendigste entzogen haben. ^Fonsevuug folgt.) KorrcsMdcilzcil und Nachrichtens Deutschland. * Hnutwvcr, 0. März. Bon Herrn Salonton Straßburger in Rexingen bei Horb in Württemberg geht , uns folgender ״dringender Hülfet׳ ns" zu: ״Indem heiligen Vande, besonders in Jerusalem תוב״ב herrscht solch bittere, verzweifelte Roth, daß die Armen nicht einmal im Stande sind, die allernothwendigsten Nahrnngsmittel aujzubringen, da selbst das Wasser thener bezahlt werden muß. Waisen- und.Krankenhäuser sind überfüllt, das Elend und der Jammer ist unbeschreiblich und — was das Traurigste und Jammervollste ist — die. Unglücklichen stnd der Gefahr ansgesetzt, den ihre verzweifelte Vage benutzenden Missionären in die Hände zu fallen. — Seit Jahren bin ich unablässig bemüht, mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln die traurige und verzweiselte Vage besonders der תלמידי הבמיס, der Waisen und Wittwen zn erleichtern. Aber bei dem gegenwärtigen, gewaltige Dimensionen annehmenden Nothstande, vermag ich nicht einmal für die am meisten Bedürftigen auch mir einigermaßen Sorge zu tragen. Es geht daher an alle meine Glaubensgenossen Namens der armen Unglücklichen die dringende Bitte, dttrch rasche allseitige Beiträge ihre traurige Vage erleichtern zu helfen. Ich erkläre mich zur Annahme von Beiträgen bereit und werde darüber öffentlich gnittiren. Salomon Straßburger, auswärtiges Borstandomitglied des Waisenhauses in Jerusalem. Nex in gen bei Horb in Württemberg. Im Hinblick auf die von uns in Nr. 4 gebrachte Mittheilung aus Jerusalem können wir die Bitte des Herrn Straßburger nur aufs Wärmste befürworten. Die )Redaktion. —a— Berlin, 4. März. Mehr als eigentlich die Bedeutsatnkeit der Sache und seiner eigenen Person erheischte, bilden Herr Hapke und seine Heldenthat noch immer mit das Gespräch des Tages. Wir würden keine Notiz davon nehmen, wenn es sich eben nur um Herrn Hapke handelte; wir würden in achtungsvollem Schweigen an ihnt vorübergehen, seine Gewissensskrnpcl und das dajür;u bringende Opfer ehrend, wenn auch nicht begreifend. Wir würden uns nicht das Recht vindiziren, eine Handlung, welche sich als Ausfluß eines religiösen Gefühls flieht, zu bekritteln. Wie wir aber schon früher beute! kten, handelt es sich hier tun einen wohlausgesouneneu Plan, um die verfassungsmäßigen Rechte der Inden zn schmälern und das Bolk gegen sie einznnehmen. Der ״Fall Hapke" soll hierfür als eine willkommene Handhabe benutzt werden. Wir haben deshalb die weiteren Phasen dieses ״Falls" zu registriren. Herr Hosprediger Stöcker hat die christlich-soziale Partei zu