Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1883)
- Article
- Holland : Amsterdam [Nachricht]
- Date
- 1883-03-01
- Page
- 142 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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142 große jüdische Gemeinde gewährt namentlich im Ver-; gleich mit anderen ein erfreuliches Bild regen religiösen : Gebens. Allabendlich eilen fleißige, angestrengt arbeitende Männer in das Lehrhaus, um mir dem gleichen Eifer, : den sic am Tage für die Gewinnung des täglichen Brodcs anfgcwcudct, entweder selbstthätig zu ״lernen", oder ihren Geist zu erheben an den Borträgen, welchem בית המדרש und in הברות gehalten werden. Am Sabbath aber ftrömcn Hunderte und Tausende dorthin; Biele gehen von einer הברה zur andern, um drei imb vier Vorträge zu hören Vor- und Nachmittags. Ich werde Gelegenheit nehincn, Ihnen von all den Veranstaltungen zur Förderung jüdischen Wissens und Geistes, von unseren frommen Vereinen und Instituten, den Waisen-, Kranken-, Altervcrsorgnngs - Häusern, Fremden - BeköstigungS-, Vorschuß-, Wittwen-Kassen 11. dgl. m. zu berichten. — Für heute will ich mich auf die Mitthcilnng beschränken, daß auch an dem diesjährigen 7. Adar, dem Todestage unseres Lehrers Mosche, in einer der Hauptsynagogen eine überaus stark besuchte Feier stattfand. Herr Philipp Elt hielt die Rede und erläuterte unter Zugrundelegung des Satzes: משה זבה וזבה את הרבים וגו׳ die erhabene Mission Moschc's und dessen unsterbliche Verdienste um Israel. Er wies nach, wie Jjrael's Kraft und Dasein in der ״Lehre Mosis" wurzele und ermahnte zum treuen Ansharren bei dem glorreichen Banner des Gesetzesheiligthums, das unser Volk von Moses-herab bis in die Gegenwart durch alle Zeiten und Näume getragen, und zur gewissenhaften Befolgung aller Gebote des Indenthums. — Auch in anderen Gemeinden des Landes wurde nach altem Brauche dieser Tag in ähnlicher Weise würdig begangen. Frankreich. \* Paris, 20. Februar. In einer Vorlesung, die Ernst Renan vor einigen Tagen im Historischen Verein gehalten, suchte derselbe zu begründen, daß in Folge der historisch uachgcwiejencn iviederholten Aufnähme fremder Elemente, bisweilen selbst ganzer Volksthcile in das Iudemhum, von einer jüdischen Naec heute nicht mehr die Rede sein könne, sondern nur von einer jüdischen Religion. Er schließt seine gelehrte Abhandlung, der widersprochen werden könnte, mit folgenden Worten, welchen Niemand seine Austimmung versagen wird: Diese Erörterungen haben, obgleich interessant für Geschichte und Ethnographie, für die Politik, in Frankreich wenigstens, durchaus keine Bedeutung. Frankreich hat den weisen Entschluß gefaßt, bei der Frage nach der Nationalangehörigkcit die unauflöslichen Racenfragen vollständig draußen zu lassen. Die Nationalversammlung vom Jahre 91 fragte nicht, che sie die Juden cmauzipirte, von welcher Race sie wären. Es ist das Werk des 19. Jahr- Hunderts, die Schranken aller Ghettos niederzureißcn. Wir machen wahrlich denen nicht unser Kompliment, welche ihrem Nationalgcdanken zu dienen glauben, indem sic diese Barrieren wieder anfrichtcn. Uns genügt, daß eine große Anzahl jüdischer Glaubensgenossen der Zivilisation und dem französischen Vaterlande Dienste erwiesen. Wir schätzen den Menschen nach seinem persönlichen Werth und nicht nach der ihm. von seinen Vorfahren überkommenen Kultur, ebensowenig als nach dem Blute, das in seinen Adern rollt. Uebrigcus ist diese im Alterthnme begründete Religion so herrlich und hat einen so wichtigen Platz in der Weltgeschichte errungen, daß man stolz sein darf, ihr anzugchören. — Dem ״Nousski Ewre" entnehme ich folgenden interessanten Bericht: In der kleinen Stadl Kedan wohnen 921 israelitische Familien bei einer Gesammtbcvölkcrung von 1171 Familien. Alle Schneider dieses Städtchens, 29 an der Zahl, sind Juden und beschäftigen 08 jüdische Arbeiter. Von den 53 Schuhmachern des Orts sind 51 Juden. Ebenso muß man für folgende Handwerke nur zu Israeliten seine Zuflucht nehmen: Sattler, Maler. Färber, Buchbindcr, Glaser, Klempner, Uhrmacher, Böttcher, Tapezirer, Seiler, Bäcker, Töpfer, Sch'ornstciufeger. Unter 25 Maurern sind 19 Juden, unter 21 Zimmerleutcn 17 Israeliten, 2-1 Packtrügcr ausschließlich Juden, unter 15 Holzhackern 1 l Inden, unter 30 Wasserträgern 25 Juden, 45 Fuhrleute ausschließlich Juden, ebenso 33 Gärtner. . Kedan ha! einen jüdischen Arzt und 4 jüdische Heilgehülfen. Andererseits sind die 143 Läden sämmtlich im Besitz von Juden; von den 31 Gasthäusern 29 jüdische; es ist dort ein jüdischer und acht griechisch-katholische Gcldlciher. Die jüdische Elementarschule unterrichtet 235 Knaben und 80 Mädchen. Die konfessionslose Kommunalschule hat bei einer Gesammtzahl von 70 Schülern 40 jüdische. Der Prozentsatz der kriminell Angeklagten der vor dem Friedensrichter erschienen ist 20"/,., inbegriffen die Angeklagten wegen Umgehung der Bezahlung der Branntweinsteuer. Vor dem Staatsanwaltc erschienen unter einer Gesammtzahl von 165 Angcklagren nur 28 der jüdischen Konfession Angehörige und wegen Diebstahls ein einziger. Aehnliche Verhältnissc bestehen in Hunderten von russischen Städten. Rußland. ...z. Petersburg, 23. Februar. Den Juden werden fortgesetzt Schwierigkeiten bereitet, welche den Weg des redlichen Erwerbes ihnen immer mehr verlegen. Man fragt sich: waS sollen die Juden denn eigentlich beginnen? Immer enger ziehen sich die Grenzen, innerhalb welcher sich ihr Fleiß entfalten darf. Sollen sie denn in Wirklichkeit zu einem Proletariat hinabgedrückt werden? Nicht in jüdischen Kreisen allein