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Jeschurun · 1883-03-01 · Heft 9 (1.3.1883) · p. 134

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 9 (1.3.1883)
Article
Betrachtungen über die Judenfrage in Deutschland
Date
1883-03-01
Page
134 (sequence 2)
Language
German
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134 Handel! sich um unsere Existenz! Dergleichen auf die ' schlininislen Vcidcnschaflcn derechuclc Kundgebungen richten sich wegen ihrer obenauf liegenden Unwahrheit vor dem gebildeten Thcilc des Volks selbst. Sie stellen fälschlich die schwache Minorität als eine siegreich vordringende, die Majorität;n vernichten bestrebte, unwiderstchlichc Riesenmacht dar, um diese Mehrheit zu einem Vernichtimgokampfe gegen jene Minderheit zu entflammen, hieraus wollen wir heute unsere Betrachtung nicht lenken. Sir haben jene milde, ernste, freundlich gemeinte Aeußcrung vor uns, welche an den heutigen deutschen Inden die Ausstellung machen zu müssen glaubt, daß dieselben zn sehr Zusammenhalten, und zwar nicht bloS nt# eine Religionsgemeinschaft zur Förderung ihrer religiösen Bedürsnisie, sondern auch zur gegenseitigen Anshülse und Unterstützung. Die vielen jüdischen Bcreine seien vom liebet; fic erzeugen eine Entfremdung, welche die nichtjüdischen Mitbürger gegen die Juden cmpsindcn. Sir!vollen vorweg zngestehen, daß die unter den Juden vorhandenen Vereine nicht alle anHschlicßlich im Dienste derjenigen Zwecke stehen, welche man gemeiniglich als religiöse zu begreifen pflegt, obgleich die meisten allerdings mit dein religiösen Gesetze der Juden in Verbindung gebracht werden können. Wir wollen für den Augenblick zugcben, daß die vielen Kranken-, Armen-, Unterstützungs- und geselligen Vereine der Sphäre der Humanität angchören, und behaupten dennoch, daß aus der ,,Sonderexistenz" dieser jüdischen Vereine irgend ein Vorwurf gegen die Inden nicht hcrgeleitet!verdcn kann. Das Bestreben, sich innerhalb eines großen Kreises, welchem inan angehört, zu Vereinigungen mit Einzelnen, denen man in irgend einer Beziehung sich näher fühlt, zusammenzufügen, ist ein in der menschlichen ")tatnr tief begründeter Trieb. Und wenn dieser Trieb bei dein Juden besonders hcrvorlreten sollte, so thcilt er diese Eigenthüinlichkeit im vollsten Maße mit dem Germanen. Die gerinanijchc Staatsordnung gewährte schon sehr früh im Gegensätze zur römischen der individuelt n Thätigkeit ein weites Feld zur Entwickelung. Das Recht der freien Vereinigung gilt als eines der werthvollsten Güter, als ein Ausfluß der gewährleisteten persönlichen Freiheit des Individuums. Je kräftiger der Einzelne im Staate an der Förderung des Staats- Zweckes mitznarbeiten befähigt wird, desto gesunder und blühender wird der Stausorganismus gedeihen. Die Wohlfahrt und Behaglichkeit aller Staatsangehörigen zählt aber mit zn den höchsten Aufgaben des Staats. Die Kraft des Einzelnen ist jedoch beschränkt; sie reicht nicht ans, allen Mitgliedern des Staats sich unmittelbar nützlich zu machen. Ein Jeglicher soll deshalb an seiner Stelle, in seinem Kreise den ihm zunächst Stehenden so viel wie nur irgend möglich helfend und fördernd zur Seite sein. Wer einen Hungrigen speist, einen Trauernden tröstet, einem Unglücklichen sich liebreich zeigt, fördert die allgemeine Wohlfahrt, erweist sich als wackerer Patriot. Und wenn nun mehrere Einzelne, welche aus irgend einen! Grunde sich verwandt fühlen, — sei es durch gleiche Abstammung, sei es durch gemeinsame Ortsangehörigkeil, oder durch gleiche Bcrufsart, oder gleiches Streben — zu einer Association sich vereinigen, un! in einen! bcstinunten Kreise, für bestimmte Individncn zn wirken — dann sollte dieses zu tadeln sein'? Weil diese Vereine sich ׳naturgemäß!'!! ihrer Thätigkeit beschränken!nüsscn, weil sic nicht in! Stande sind, .!!len Leidenden Hülfe zn gewähren, allen Einsamen ein Hein! zu bieten — deshalb sollten sic den Geist der Entfreindung den außerhalb ihrer Vereinsthätigkeit Stehenden gegenüber nähren? Nin!mern!ehr. — Die großartige heilsame Wirksamkeit der unzähligen Vereine in Deutschland für das Gcsainmtwohl würde dann negirt werden, Nur in der weisen Begrenzung ihres Arbeitsfeldes besteht ihre Kraft; wollten sic dieselbe unbeschränkt Allen direkt zu Gute koin'.nen lassen, so würde Niemand einen Nutzen haben. Die verschiedenen Gewerke gründen Unterslützungsvcrcine für ihre Znnftangehörigen, die Anwälte, Aerzte, Beainte, gesellige Vereine und Wittwenkassen für ihre speziellen Standcsgcnossen — das sollte Gegenstand der Mißbilligung sein können? Die Freimaurerlogen ständen alsdann im Dienste der ärgsten Ausschließung; die acht deutschen KorpS und Vcrbindnngcn an den deutschen Hochschulen!nüßtcn verpönt werden! Aber vor Allein, wenn also in hunderttausenden von Vereinen das deutsche Volk sich in kleinen engeren Kreisen znsammcnfindet, welche nur den Vereinsangehörigen;!!gängig sind, dann sollte mau cs den Inden verargen können, wenn auch sie zn löblichen Zwecken sich assocircn? Und ferner — als feststehende, nicht wcgzulengnende Erfahrung gilt, daß die Juden in! Allgemeinen freudig und willig und ausgiebig jedes Vercinsstreben unterstützen, welches irgend einen! gerneinnützigen Ziele dient. Sie ziehen sich keineswegs zurück; sie schließen sich gern allen ihren Mitbürgern an, un! mit ihnen gemeinsam Heilsames und Menschenfreundliches zn fördern. Wenn man ihnen nur nicht die Thür versperrt, wenn!!!an sie nur nicht scheelen Auges betrachtet, so fehlen sie nirgend, bei keiner löblichen Bestrebung. Wie überall in! öffentlichen Leben, so sicht man sic auch in den allgeineinen Vereinen in hingehender Thätigkeit für das genicinsame Wohl. (Fortsetzung folgt.)

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