Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1883)
- Article
- Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
- Date
- 1883-02-22
- Page
- 120 (sequence 2)
- Language
- German
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120 Sie rieb sich die Augen und blickte um sich her, : im ersten Moment war sie nicht im Stande, sich;11 erinnern, wo sie sich besand; doch allmählich kam ihre Lage ihr wieder;11 Bewußtsein. Wie lauge sie geschlafen hatte? — sie wußte es nicht, kein Traum hatte den stärkenden Schlummer gestört. Ihrem Ermessen; nach hatte sie erst vor wenigen Minuten die Augen geschlossen; doch es mußten seitdem Stunden verflossen sein, denn die Sonne stand hoch am Himmel. Was sollte sie nun beginnen? — Seit mehr als zwölf Stunden hatte sie keinerlei Nahrung;1! sich genommen und sie empfand bereits dringendes Bedürfnis; nach Speise. Umvillkürlich griff sie nach ihrem Bündel, doch sie öffnete es nicht, wußte sie doch, daß es nichts Genießbares enthielt. Sie blickte um sich und ein freudiges Lächeln erhellte Plötzlich ihre Züge. Kaum zehn Schritte von ihr entfernt schimmerte es purpurn durch das grüne Moos, die herrlichsten Walderdbeeren glänzten ihr entgegen. ״Die sind ertra für mich gewachsen," flüsterte sie vor sich hin und sprang hurtig auf. doch nicht sogleich zu den Beeren. Zuvor eilte sie an den nahen Bach, kniete nieder und badete Antlitz und Arme in dem kühlen Naß und nun erst ging'S;11 den Beeren. Sie waren reis und süß und in Masse vorhanden; Mirjam aß und fühlte sich ergnickt und gestärkt. ״Jetzt sorgt der liebe Gott extra für mich," sprach sie mit inuigein Bertranen, und eine Zuversicht erfüllte ihr Her;, die das Gefühl von Furcht und Sorge nicht anskommen ließ; es war vielmehr eine An Neugier, mit der sie dem Kommenden entgegen sah. Wenn sie nur gewußt hätte, wie die Mutter ihre Flucht einpfundeu? — daß sie dieselbe billigte, daran zweifelte sie nicht; denn die Mutter selbst hatte eS sie gelehrt, daß mau eher sterben müsse, als daS über sich ergehen lassen, was der Vater mit ihr beabsichtigt — und mit ihren armen unschuldigen Brüdern. — Arme schuldlose Kinder! -- ihnen galten die Thränen, die jetzt ihren Augen entstürzten. Doch sie durfte sich nicht hingeben diesen trüben Gedanken, die ihre Thatkras! zu lähmen drohten, sie mußte jetzt ausschließlich an sich und an ihre Zukunft denken. Denn wenn sie auch so-felsenfest auf Gottes Hülfe baute, so durste sie diese Hülfe doch nicht mit den Händen im Schooße erwarten. Nachdem sie am Bache, der ihr als Spiegel diente, ihre einfache Toilette geordnet, nahm sie ihr leichtes Päckchen wieder auf und schritt rüstig, ivenn auch nicht mehr so überhastig wie in der verflossenen Nacht, auf der Kaisicstiuße weiter und begann nun im Gehen ihre nächste Zukunft ׳'in Erwägung zu ziehen. Sie erinnerte sich, ihre Mutter, die aus B.z, einer der größten israelitischen Gemeinden deS Kronlandes, gebürtig war, hatte einst gesagt, wenn man drei Tage lang auf dieser Straße weiter schreite, komme man in ihre Heirnalh. — Ob eS nicht gerathen wäre, sich dorthin zu wenden? — Zwar, nahe Verwandte in B.;;11 finden, darauf durfte sie nicht rechnen; die Eltern ihrer Mutter weilten längst nicht mehr unter den Lebenden und deren einziger Bruder war vor etwa zwei Jahren mit seiner Familie in das heilige Land gewandert. Dennoch beschloß sie, sich dorthin zu begeben; dort fand sie zahlreiche Glaubensgenossen und durfte daher hoffen, ein Unterkommen dort zn finden. Sie war kräftig und gewandt, in Handarbeiten geschickt und auch in der leichteren Hausarbeit bewandert, sie wollte sehr mäßige Ansprüche stellen; da würde eS ihr wohl gelingen, in einem achtbaren Hanse einen Posten zu finden. Und B.z zu erreichen konnte auch nicht allzuschwer sein, drei Tage lang konnte sie gehen und gleich im nächsten Dorf wollte sie ihren Henkeldukaten umwechseln und Brod kaufen, denn trotz der genossenen Erdbeeren empfand sie abermals Hunger. Ein Dorf war bald erreicht. ES war Sonntag; die Leute kamen eben auS der Kirche, und nach der freundlichen Art der Landleute grüßten gar Manche das schmucke Mädchen in der sauberen, einfachen aber doch städtischen Kleidung. Mirjam erwiderte freundlich den traulichen Gruß, und als sie sich vergebens nach einem Bäckerladen umgesehen, wandte sie sich an eine eben grüßend an ihr vorübergehende Frau und bat sie, ihr zu sagen, wo man Brod kaufen könne. ״Hier giebt's keinen Bäcker," entgegnete die Frau, ״hier backt jeder selber sein Brod für sich. Drüben im Krug kann mau's wohl kaufen, aber für sie junges Mädchen dort hinein zu gehen — 'S ist nicht zu rathen — die Bursche kegeln heute dort und trinken. — Kommen Sie mit mir, Kind, ich will Ihnen geben." Mirjam folgte der freiiudlichen Aufforderung und schritt wohlgemuth an der Seite der ältlichen Bäuerin dahin. Nach ihrer einsamen Wanderung that ihr der Anblick der Menschen schon wohl, und sie plauderte munter mit der Alten von dem schonen warmen Sonnenschein und dem kühlen, schattigen Walde, von dem trefflichen Stand der Saaten u. dgl. m., und die Alte hörte ihr gerne zn und nickte freundlich. Vor einem niedern, weiß übertünchten Häuschen macliten sie Halt. Die Bäuerin trat ein, Mirjam folgte, doch in der Hausflur blieb sie bescheiden zurück. ,/Nun, Kind, kommen Sie weiter, ich werde Ihnen sogleich Brod bringen." i Fonsctzimg folgt.)