Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1883)
- Article
- Salomonische Spruchweisheit
- Date
- 1883-02-22
- Page
- 119 (sequence 2)
- Language
- German
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119 Von anderer Seite meint aber unsere Spruch- Weisheit auch, sei cS vernünftig, bei unserem Erwerbs- und NahrungSstrcbcn nicht nur auf die Stimme dcS NechtS und der Redlichkeit, sondern auch auf die Stimme dcS BolkSurtheitS zu hören, und ans Verdienst und Gewinnst zu verzichten, selbst wenn ihnen kein Makel der Unrechtschaffenheil an hängt, sie aber von der ösfentlichcn Meinung getadelt und von dem llrtheil der Menschen verwerflich gefunden werden Es ist ganz das, waö die Weisen mit dem Spruche: והייתם נקיים מאלקי׳ ומישראל empfehlen und Volt רמי in den Sprüchen der Väter in dem Satze gefaßt ist: Welches ist der rechte Weg, den der Mensch sich erwählen soll? Es ist der, der zuerst dem, der ihn übt, an sich zum Ruhme gereicht, zugleich aber auch ihn: von den Menschen nachgerühmt wird. Was wir thun, uniß erst an sich recht und rühmlich sein. Allein auch auf das llrtheil der Menschen sollen wir achten, und auch daö au sich Rechte nur dann thun, wenn eS nicht von der allgemeinen Meinung für tadelnSwerth gehalten wird. Zur Lcranschaulichung dieser Maxime weist unser Spruch 'מומי מר תו auf das Getreidegeschäjt hin. Es kann ein Kaufmann in ganz redlicher und gclchäftlich nur zu billigender Weise feinen Korn-Vorrath für die Zeit eines Hähern Preis-Aufschlags zurückhallen, und das, was bei jeden! anderen HandelSgegenstand, sei cS Kleiduugs-, ArbcitSstosf oder sonst was immer, als etwas ganz zu Billigendes und Selbstverständliches betrachtet würde, könnte ihm den bittersten Tadel und die heftigsten Verlvünschungen abseiten der Volksmenge zuziehen, während sein Nachbar, der bereitwillig verkauft, gesegnet wird. Im Grunde verdient der Eine so wenig Segen, als Verwünschungen der Andere, indem beide bei ihren Operationen nur ihren Geschäftsvortheil im Auge haben. Gleichwohl soll uns das Vornrtheil von solchen und ähnlichen Geschäften znrückhaltcn und der Verdienst uns nicht reizen. V. Das Wort. Tod und Leben ist in der Hand der Zunge, Je nachdem Einer sic liebt, genießt er ihre Frucht. (18, 21.) Dieser Satz zeigt, welch hohen entscheidenden Werth unsere Spruchweisheit dem menschlichen Worte znerkennt, indem sie das höchste Heil und das höchste Unheil von dessen rechten oder Unrechten Gebrauch abhängig sein läßt. Unter allen den Menschen zur Lösung seiner Aufgabe crthcillcn Fähigkeiten ist ja auch in der That keine, die also wie die menschliche Rede von Jedem zu jeder Zeit im Dienste dieser Aufgabe verwendet werden kann, keine, mit welcher in jedem Augenblicke die Sonne der Wahrheit und dcS Rechts, der Sittlichkeit, des Friedens und der Freude im Kreise der Menschen gemehrt oder gemindert werden kann, als daS Wort, als die menschliche Rede. Daher kennt unsere Spruch- Weisheit uichtS Köstlicheres als שפתי דעת, als der rechten Erkenntniß zu Gebote stehende Lippen, nichts Besseres und BeglückendereS als ein zur rechten Zeit gesprochenes Wort: Wohl giebt cS Gold und Perlen-Neichthum, Aber das köstlichste Gcrälh sind Lippen rechter Erkenntniß. (K. 20, I 5.) Freude dem Manne an seines MnndeS Rede! Und ein Wort zur rechten Zeit, wie gut ist das! (K.!5, 23.) Und nicht nur in seiner Wirkung aus den Hörer, für die Berichtigung der eigenen Erkenntnis; steht unserer Spruchweisheit das Wort in hohem Preis. Unsere Gedanken erhalten erst ihre genaue Würdigung, ihre rechte Gestaltung, sic werden uns selbst erst bcutltd) und erproben sich an dem Maßstabe der Richtigkeit, wenn wir eS versuchen, sie anSzusprechcn. Des Weisen Her; richtet seinen Mund ausö Verständnis; Und auf seinen Lippen gewinnt er selbst noch Lehre. (K. 10, 23.) Die Lippen der Weisen sichten die Erkenntniß, ״)Ummer so der Thoren Herz. (ft. 15, 7.) Die Zunge der Weisen verbessert noch die Erkenntniß, Der Thoretl Mund läßt Unvernunft hinanSsprndcln. (ft. 15, 2.) (Forlsttzung folgt.) Aus der ersten Halste unseres Jahrhunderts. (Nach einer wahren Begebenheit) Ariedrich Aott. I. (.1Ule Rechte Vorbehalten.) (Fortsetzung.) Mehr als eine Stunde .mochte verstrichen sein. Von Zeit zu Zeit steckte ein Rothkehlchen, das hoch oben in dem Wipfel nistete, das zierliche Köpfchen durch d:c Zlvcige und lugte hernieder auf den seltsamen Waldesgast. Das schlafende Mädchen regte sich nicht. Und allinählich ward daS Vögelein muthiger, eS kam herunter auf den Rasen, hüpfte auf das roscnfarbcne Kleid der Schlummernden und endlich auch auf deren im Sonnenschein golden glänzenden Haare —י ob das Thierchen sie für Sonnenblumen hielt? Mirjam wähnte, die Mutter stehe an ihrem Bette und wolle sie wecken. ״Gleich Mutter — gleich — ich stehe schon auf," flüsterte sie schlaftrunken.! DaS Vögelein war rasch entflohen, doch den Schlaf . hatte es ihr verscheucht.