Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1883)
- Article
- Betrachtungen über die Judenfrage in Deutschland
- Date
- 1883-02-22
- Page
- 116 (sequence 2)
- Language
- German
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116 welches den Juden;um Vorwürfe gemacht worden ist. Es wird in diesem Borwurfe behauptet, daß bei den Juden daS natürliche und edle Gefühl der Ehre und das nicht minder natürliche und edle Bestreben, sich die Ächtung seiner Mitbürger zu erwerben,;n einein krankhaften, unberechtigten, chrgei;igen Triebe ausgeartet, sich in uugcmesseucm -Väschen nach ״äußeren Ehrenstellen" dokumentircn sollen. Bevor man eine solche Behauptung wagt, welche die Ehre eines Theils des deutschen Volkes in wirklich empfindlicher Weise verletzt, sollte man sich billiger Weise doch der eiltfachen nahe liegenden Erwägung nicht verschließen, daß ja nur ein überaus kleiner Theil der Inden über- Haupt in die Lage kommen kann, auf die Erlangung von äußeren Ehrenstellen hinzudrängen, und daß von diesen Wenigen, welche durch äußere glückliche Perhältnisse im Stande sind, einen solchen krankhaften Ehrtrieb zn entfalten, unmöglich ein Schluß aus die Ucbrigen gemacht werden darf. Wir wollen nicht an den: Ausdruck ״äußere Ehrenstellen" mäkeln; wir möchten uns aber die Frage wiederum gestatten: sind cS denn Juden allein, welche nach Auszeichnungen begierig Haschen? Strebt kein Ehrist nach solchen? — ES können immerhin nur vereinzelte AnSnahntefälle sein, in welchen man ein nervöses Andrüngcn an äußere Ehrenstellen wahrzunehmcn vermag; denn wer befindet sich in der Lage, genau zu erkennen, wo in den! gegebenen Falle ein vollberechtigtes Streben ׳.׳.ach Achtung und Werlhschätznng im Allgemeinen, wie nach einer bestimmten Ehrenstellc im Speziellen, in krankhafte Ehrsucht überfchlägt? Treten nicht in unserer parlamentarisch geschulten Gegenwart überall Kandidaten für sich auf und werben um ein öffentliches Zeichen des Vertrauens? Läßt sich Nachweisen, daß Juden sich allgemein an äußere Ehrenstellen ״andrängen?" Solange dieses nicht erwiesen ist — und wir wagen Behauvtuug gegen Behauptung: es ist nicht zu erweisen — erklären wir den erwähnten uns angehefleten Makel für völlig unbegründet. Er eHslirt nur in derjenigen Anschauung, welche noch immer in dem Itldcn nicht den gleichwcrthigen Volksgenossen, sondern den ehemals zurückgesetzten Fremden erblickt, dem man aus Gnade den Vollgcnuß aller Bürgerrechte cingeräumt hat, von dem man aber erwartet, daß er möglichst wenig Gebrauch von diesem Rechte macht, und dem man cs nicht verzeiht, wenn auch er eS zu Ehren und Würden, zu Titel und Orden bringt. Er entspringt ans der trübsten Verirrung der menschlichen Seele, ans dem Vornrtheile, der Quelle der meisten abfälligen Urtheile über das Wesen dcS jüdischen KarakterS. Der Verstand hat keinen Theil daran; denn dieser setzt die Fähigkeit voraus, daß das Vorgcstellte in seinem wirklichen Wesen aufgefaßt werde, daß man den Gegenstand seiner Vorstellung so zu erkennen vermöge, wie er in Wahrheit ist. Das Vorurthcil aber hält den Verstand in Fesseln, so daß er sich nicht zu einem objektiven Vcrständniß erheben kann. Unklare Vorstellungen beherrschen daS Gcmüth des Menschen; er kennt deren Ursprung nicht; sie sind ihm anerzogcn; er ist mit ihnen groß geworden; er vermag sich keine Rechenschaft über sie zu geben; er hat sie gleichsam mit der Muttermilch eingesogcn. Von diesen Vorstellungen, von diesen Vorurtheilen, können oft auch geistig und sittlich hoch stehende Menschen sich nur schwer befreien. Je verbreiteter solche Vorurtheile, je länger sie gehegt worden sind, desto ntächtigcr ist ihre Herrschaft. Unter allen Vornrtheilcn ist aber wohl die Verachtung der Juden eines der verbreitetsten und ältesten. Ist cS da zu verwundern, wenn auch Diejenigen unter dessen Einfluß stehen, deren Verstand sic lehrt, daß jede Schmälerung der Rechte der Juden ein Unrecht sei? Sie zollen demselben den Tribut, indein sic an den jüdischen Mitbürgern Fehler zu entdecken streben, welche dieses Vorurthcil rechtfertigen könnten. Da nun kein Mensch ganz frei von Gebrechen ist. so wird cs ihnen nicht schwer, an einzelnen jüdischen Individuen dergleichen;u entdecken. Sic rufen freudig: Heureka! Ihr Vorurthcil hat doch jetzt einen Grund! Und in der Freude darüber spczialisiren und generalisircn sie den Inhalt ihrer Wahrnehmung. Was allen Menschen zukommt, wird lediglich auf den Einen beschränkt, und was nur Akzidenz dcS Individuums ist, auf daS Allgemeine ausgedehnt. Ein Jude sucht mühelos und rasch Reichthum zu erwerben, ein Jude drängt sich zu einer Ehrenstellc — glückliche Entdeckung! Der vorurtheilSvolle Sinn erkennt in dieser Sucht nach Reichthum und Ehre, welche er bei dem einen Juden wahrnimmt, nicht eine Krankheit, welche auch 'beim Ehristen zu finden ist — nein, diese Sucht wird z!t einer spezifisch jüdischen gestempelt! Und nicht ein Jude ist von dieser Sucht befallen — nein, die Inden fröhnen der Erwerbs- und Ehrsucht. Ja, dasselbe, was sich bei einem Nichtjuden als sehr berechtigtes Erwerbsstreben und sehr ' heilsamen Ehrgeiz ergeben würde, wird bei den Inden zu einer Geldsucht und nervösen Ehrsucht gestempelt! Hub selbst hierin beruhigt sich das Vorurthcil noch nicht; selbst die ausgesprochen guten Handlungen der Juden werden ihnen als Fehler angcrechnct. Tugenden, die mau bei Anderen rühmen würde, werden den Juden auf das Schuldkonto gesetzt; und diese haben sich gegen Vorwürfe zu vcrthcidigen, die nicht nur jeder Begründuug entbehren, sondern eigentlich Lobsprüche sein müßten. (Fortsetzung folgt.)