Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 7 (15.2.1883)
- Article
- England : London [Nachricht]
- Date
- 1883-02-15
- Page
- 110 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
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110 Engla 11 b. W. London, 2. Februar. /Die hiesige Frcischule ״.lews’ free scliool*‘ ist gcnöthigr, eine Erweiterung ihrer Räumlichkeiten vorznnehmen. Ursprünglich für Onn Knaben und 300 Mädchen berechnet, ist der Andrang zu derselben jetzt ein so enormer, daß sie gegenwärtig 2000 Schüler zählt. Da auch, den Erfordernissen einer ׳neuen Erziehnngslehre entsprechend, höchstens 00 Schüler von einem Lehrer unterrichtet werden dürfen, so erscheirrt das Bedürfnis; nach vergrößerten Schul- 1 ofalitatcn sehr dringend. Der Schutrath unter dem Vorsitze des Baron R. M. von Rothschild hat deshalb entsprechende Beschlüsse gefaßt, deren Ausführung die Summe von etwa 20000 Livres Sterling erheischen wird. Es sind bereits hiervon 8000 Livres gezeichnet. Baron Rothschild fordert zu einer raschen und regen Betheiligung an diesem hochwichtigen gemeinnützigen Unternehmen auf, dessen Nealisirnng wohl mit Bestimmtheit erhofft werden kann. — Der bekannte Herr Lawrence Okiphant, welcher sich lebhaft für die Kolonisation Palästinas durch die russisch - jüdischen Flüchtlinge interessirt, berichtet von den Schwierigkeiten, welche diesem Projekte in den Weg gc'rellt werden, in einem Schreiben an die ״Times" von Haifa in Palästina datirt, folgenden Inhalts: Ein von den türkischen Behörden in Haifa an alle ausländischen Konsular׳ agenten gerichtetes Rundschreiben dehne das Verbot der Niederlassung 'in Palästina, den bestehenden Verträgen zuwider, auch auf die britischen Unterthanen ans, welche jüdischen Glaubens sind. Die strenge Form, in welcher dieses Rundschreiben abgefaßt ist, sei durch den Umstand herbeigerufen worden, daß die rumänischen Inden nach Palästina ansznwandern versuchten, um dort landwirthschaftliche Kolonien zu.gründen. Dieser interessante Versuch wurde ans einer einem österreichischen Unterthanen in Summarin gehörigen Farm, ungefähr 10 Meilen von Haifa entfernt, und einer andern kleineren nicht weit von Tiberias gemacht. Ungefähr 30 Männer seien seit mehreren Wochen mit der Bestellung des Landes in Summarin beschäftigt, während deren Frauen und Familien in Haifa untergebracht wurden. Sechs bis sieben Familien, welche ans dem letzten Dampfschisse ankamen, um sich den Landbebauern anznschließen, sei es indessen, ebenso wie allen anderen jüdischen Passagieren, welche sich au Bord desselben Schiffes befanden, verboten worden, zu landen, und alle seien nach Beyrut gebracht worden. Inzwischen wurde der englische Vizekonsul benachrichtigt, daß, wenn er den Versuch mache, britische Unterthanen ans Land zu bringen, er durch Gewalt daran verhindert werden würde. Im Ganzen befanden sich 8—10 österreichische Unterthanen an Bord. Unter den britischen Unterthanen befand sich auch ein jüdischer Rabbiner ans Bombay, welcher Jerusalem besuchen wollte, nebst 5 anderen Personen mir britischen Pässen, ans Tiberias gebürtig, welche zu Schiss nach ihrer Heimath zurückkehren wollten, daran aber gehindert wurden und es sich gefallen lassen mußten, anstatt dessen nach Aegypten gebracht zu werden. Es ist ein tragisches Schicksal, welches die jüdische Rare ruhelos, heimathlos ans dem Erdenrund umhertreibt. Seit vor Jahrtausenden ein ägyptischer Pharao zum ersten Antisemiten wurde, hat der Nacenhaß kaum jemals ausgchört, die Kinder Israels erbarmungslos zu verfolgen. Auch die nationale Bewegung unseres Jahrhunderts hat im Osten Europas wieder zu einem Krenzzng gegen das Indenthnm geführt. Edle Menschenfreunde und lyrische Dichter trugen sich damals mit dem Gedanken, den Vertriebenen in dein Heimathlande ihres Geschlechts, in Palästina, ein neues Heim zu bereiten. Allein auch Palästina verschließt den Menschen, die der Osten Europas ansgestoßcn, ungastlich seine Pforten. Es steht zu erwarten, daß das Vorgehen gegen die jüdischen Emigranten in Syrien wohl bald nach der am 10. Februar erfolgten Eröffnung des englischen Parlaments im Unterhause zum Gegenstand der Disknsion gemacht werden wird. — Der Herzog von Cambridge hat als Höchstkommandirender der Armee einen Befehl erlassen, daß den ״Soldaten jüdischen Glaubens" jede nur mögliche, Erleichterung bei Gelegenheit des PassafefteS zur Anwohnnng bei demselben gewährt werden soll. Rußland. * Petersburg, 6. Februar. Alte in Verbindung mit dem Ministerimn des Innern eingesetzte Kom- Missionen zur Zusammenstellung von Erhebungen über die In den frage sind, wie das ״Franks. Journal"!neldet, aufgelöst worden, und das von demselben gesammelte Material ist der gesetzgebenden Abtheilnng des Kaiser!. Slaatsrathes überwiesen worden. Diese Maßregel ist von nicht zu unterschätzender Bedeutung, denn sie scheint darauf hinznweisen, daß man in den höchsten Kreisen daran denkt, einen entscheidenden Schritt vorwärts zu thnn in der Frage der religiösen und bürgerlichen Gleichberechtigung der Inden. Ein solcher Schritt, der in erster Linie dazu dienen würde, die den Inden überall sich entgegenstellenden drückenden Schranken fallen zu machen, kann nur mit freudiger Genugthnung begrüßt werden, besonders, da er einen Beweis dafür liefert, daß die Negierung allen Ernstes daran denkt, dem Volke die vom Geiste unseres Jahr- Hunderts unabweisbar geforderten Reformen zu gewähren. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß die Abschaffung der Ueberbleibsel der barbarischen Inden-