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Jeschurun · 1883-02-15 · Heft 7 (15.2.1883) · p. 105

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 7 (15.2.1883)
Article
Aus den Memoiren eines Bettlers
Date
1883-02-15
Page
105 (sequence 1)
Language
German
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Ieschrrrurr. 105 M 7. Aus den Memoiren eines Acttlers. Mitgetheilt von Zcapljtasi L»imon. I. ('INc :Ko.iiU' povi'ii ahn!.) Nur ungern habe ich dem Ersuchen meines 1)011)-- geehrten Freundes nachgegeben und ihm gestattet. ans meinen Auszeichnungen Einiges der Oesfenilichkei: vorzulegen. Ich bemerke, daß ich weder Deutsch lesen, noch schreiben kann. Ich bin nur des polnisch jüdisch deutschen Jargons mächtig und habe von Zeit zu Zeit während meines Vagabondenlebens, theils zu meiner Zerstreuung, theils zur Erinnerung für meine Kinder, in hebräischer Kurrentschrift einige Blätter beschrieben; — mag mein Freund solche in hochdeutsche Sprache übertragen. Ich habe allerdings nicht nöthig, mich für das zu verantworten, was ich nur für mich und die Meinigcn ausgezeichnet; — nicht ich bringe den Inhalt meines Tagebuchs zur weiteren Kunde; — ich habe auch meinem Freunde ernstlich gerathen, solches zu unterlassert, indem ich ihm die Sorte des weisen Königs entgegenhielt׳. Bor Allem hüte dich, viele Bücher zu schreiben. Trotzdem aber will ich nicht vergessen, es ausznsprechen, daß ich nur wirtlich Erlebtes und Empfundenes, und somit stets nur die volle Wahrheit und tiiches Anderes uiedergeschrieben habe. Ich kann mir freilich nicht denken, daß meine Mittheilangen für einen Fremden irgend welches Interesse haben: sollte aber mein Freund jentals von meiner Erlaubniß der Beröffentlichung Gebrauch machen und dadurch hier und dort Jemand meine Memoiren lesen, so sei er versichert, daß der Vagabond kein Lügner war. Es kann auch inöglich sein, daß diese Blätter Jemandem zu Gesichte kommen, welcher niich sehr gut kennt, welcher tnir Wohlthaten erwiesen, oder meinen Bitten kein Gehör gegeben hat. Obgleich ich meinen Namen nicht genannt haben )vill und es meinem Freunde zur Pflicht mache, alle Namen, welche sich in meinen Notizen finden, sowohl diejenigen der Personen, wie der Städte, zu verändern, so null ich doch diesen Anlaß benutzen, um allen Menschen, mit denen ich jemals in Berührung gekommen bin, hierdurch meine Achtung und Dankbarkeit zu bezeigen. Möge Gott meinen Wohlthätern bis in das tausendste Geschlecht alles Gute vergelten! — zu verzeihen habe ich Niemandem, da ich gegen Keinen einen Anspruch auf Wohlthat zu erheben berechtigt war. Ein dein Grabe naher Greis, schaue ich auf ein zwanzigjähriges nnstätes Bettlerleben zurückDem Herrn sei Preis und Dank für Alles, — auch für den Kelch des bitter» Leids, den ich bis zur Neige geleert! Zwanzig Jahre lang eilt ״Schnorrer" — man muß selbst ein solcher gewesen sein, um zu ermessen, waS das heißt. - — — Doch ich ivill hier an dieser Steile solchen Empsindnngen nicht Raum geben. will nur!loch kurz erwähnen, wer icl) bin. Ich heiße Baruch — der Name meines Baters und meiner Familie bleibe verschwiegen — bin von Geburt ein Russe und heiralhete in meinem dreißigsten Lebensjahre die Tochter meines Herrn, welchem ich als ״Meschores," als Gehülfe, bei seinen Geschäften diente. Bis zu meinem achtzehnten Jahre ״lernte" ich auf der ..Jeschiwa." Da starb mein guter Vater, sein Andenken sei gesegnet, ■— ich mußte für den Lebensunterhalt meiner Mutter sorgen. Ich verließ das Lehr- Haus, um Handelsmann zu werden. Mein Herr hatte noch einen Gehülfen, welchen ich bei meinem Eintritte in den Dienst bereits vörfand. Joseph war ein unwissender, roher Geselle, aber ein sehr tüchtiger, energischer Geschäftsmann. Wir waren nicht besonders veriraut mit einander, kamen aber doch ziemlich gut bei den Geschäften zusammen ans. Er verbrachte die Abende größten Theils im ÄirthS- Hanse; - - ich bemühte mich, das Gesetzesstndiunt tlicht ganz zu vernachlässigen. Tie Tochter des Hauses — das einzige Kind unseres Herr!! — war zu einer herrlichen, sittsamen Jungfrau herangeblüht, als ihr Vater gefährlich erkrankte. Diese Krankheit konnte zu keiner ungelegeneren Zeit kommen. Er hatte.gerade ein größeres Licferungsgcschäst abgeschlossen, welches seine Anwesenheit in der Kreishanptsiadl dringend erheischte. Statt seiner reiste Joseph dorthin, während mir die übrigen Geschäfte allein oblagen. Als mein Herr sein Ende herannahen fühlte, ließ er mich au sein Lager rufen. ״Meine Tage sind gezählt." begann er, ״ich werde bald von hinnen scheidet! und ineinem Weibe in die Ewigkeit folgen. Zuvor alter habe ich für mein Kind zu sorgen. — Willst du meine Tochter heimführen, so sterbe ich ruhig. Ich kenne dich seit zwölf Jahren und weiß, das; du brav und fleißig bist. Ich überlasse dir das Geschäft. Du magst dir den bewährten Joseph zum Theilhaber nehmen. Ueberlegc dir meinen Vorschlag, — entscheide dich aber bald. — Wenn du nicht willst, so schreibe meinem Bruder, daß er eiligst herkomme, damit ich ihm die Sorge für mein Kind übertragen kann. Joseph gebe ich meine Tochter nicht, obgleich er ein besserer Geschäftsmann ist, als dn. Er ist ein zu wüster, wilder Mensch, )vclcher mein Kind wohl reich, aber nicht glücklich machen kann." Ich hatte mich nicht lange zu besinnen. Die sanfte,

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