Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 7 (15.2.1883)
- Article
- Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
- Date
- 1883-02-15
- Page
- 104 (sequence 2)
- Language
- German
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104 ihr das Herz weit lauter als gewöhnlich, doch nur vom raschen Lauf, nicht vor Angst. Angst? — sic empfand keine mehr. Eine seltsame, fast freudige Zuversicht erfüllte ihr Her;. Was sollte sie auch fürchten? — den Vater? — Bevor er erwachte, war sie weit fort über Berge und Felder. — O, cs konnte lange währen, bevor auch nur eine Ahnung in ihm ansstieg, daß sie entflohen. Er konnte sie im Garten wähnen, oder auf dem Felde, oder auch bei irgend einem Bekannten. — Bis unmittelbar vor der zur Abreise bestimmten Zeit werde er sie vielleicht gar nicht vermissen — und bis zu jener Zeit, wie weit konnte sie dann schon sein. Wie ein flüchtiges Reh jagte sic dahin: ihr kleines Bündel drückte sic nicht. Doch allmählich erlahmten ihre Kräfte, sic mußte einige Augenblicke iune halten, um Athem zu schöpfen. Sie blickte um sich. Die Hcimath war nun vollends ihren Blicken entschwunden; die Gegend um sie her war ihr nicht mehr bekannt. Wohl mochte cs kaum eine Stunde sein, seit sie das Elternhaus verlassen, doch in ihrer Hast hatte sie sicher eine größere Strecke zurückgelegt, als sonst in der dreifachen Zeit. Und sie gönnte sich auch jetzt nur eine kurze Rast; nur wenige Minuten und schon schritt sie rüstig weiter. Doch sic lief nicht mehr, sie ging. Denn sie war einsichtsvoll genug, sich zu sagen, daß im Laufen ihre Kräfte sich bald vollständig erschöpfen würden, und ihr Ziel lag noch so fern. Ihr Ziel? — Noch kannte sie es selbst nicht, hatte noch nicht Zeit gefunden, mit sich zu Nathe zu gehen, wohin sie ihre Schritte lenken sollte, — vorläufig galt cs nur weiter, unaufhaltsam Weiler. Die Straße hatte eine Zeitlang aufwärts geführt; das junge Mädchen stand nun ans der Höhe und schaute trunkenen Blickes hinunter in die im goldigen Glanze des eben anfsteigeuden Morgenrothcs gehüllte Landschaft. 'Nie hatte sie so Herrliches gesehen. Purpurn erglühte der Himmel, golden wiederstrahltcn die Fensterscheiben in den Bauernhäusern, die links im Thale an den Bergrücken sich zu lehnen schienen, während rechts der würzig duftende Nadelwald noch weiter aufwärts sührte. Und im Walde ward eS reger und reger, die ganze Vogelschaar schien allntählich zu erwachen. Bald ertönte traulich süßes Zwitschern, bald ein schmetterndes Jubilircn und dann ein langgedehuteö Flöten in wunderbarer Harnronie. ״Wie schön!" flüsterte Mirjam, ״wie wunderschön! — und wie sie so froh sind die kleinen Thiere — und cs sorgt doch kein Mensch für sic, und sie werden doch alle Tage satt. — Ob ich auch heute satt werde? —״ Die Sonne war nun vollständig ausgcgangen, und die Kleine empfand doch endlich daö Vedürfniß, länger anszuruhen. Sie setzte sich auf eine Baumwurzel am Rande des Waldes, lehnte das Haupt an einen Stauun und wollte nun in Ruhe ihre Lage überdenken. Hatte sie denn auch recht gethan, die Heimath. zu verlassen und die gute, treue, sanfte Mutter, die sie so innig liebte, und die Brüder, die in kindlich liebevollem Vertrauen an ihr hingen, — und hinaus zu fliehen, ziel- und planlos in die weite, fremde Welt, wo sic keinen Menschen kannte, wo keiner für sie sorgte, keiner sich um sie kümmerte. — Keiner? — Kein Mensch. — Doch wer den Vögeln ihre Nahrung spendet, sollte Er das Kind wohl darben lassen, das, um Seinen heiligen ׳Namen nicht zu entweihen, die sichere Heinrath und die heißgeliebte Mutter muthvoll anfgegeben hatte? — Denn die schwache, kranke Mutter, so lieb und fromm, war .doch nimmer im Stande, die Kinder vor der Gewalt des Vaters zu schützen, der sie zum Abfall zwingen wollte. — Nein, kein Zweifel, sie hatte recht. gethan. — Voll Zuversicht erhob sie den Blick zu Ihm, auf dessen Hülfe sie hoffte in fclscusestem Vertrauen. — Wohin sollte.sie sich wenden? — sie wußte cs nicht. Doch Er, der für die Vögel im Walde sorgte, werde sicher auch für sie sorgen, werde den rechten Weg sie. finden lassen. Doch es war die erste Nacht gewesen, die sie schlaflos verbracht, und in heftiger Erregung und hastiger Bewegung; ihre Angen schlossen sich. ״Siche, Er schläft nicht und schlummert nicht, der Hüter Israels," flüsterte sic halblaut vor sich hin, als läge sie daheiin im sicheren Bette. ״Siehe, Er schlummert nicht und schläft nicht, der Hüter Israels. Sie wollte den Spruch zum dritten Mal wiederholen, doch die Müdigkeit hatte sie bereits überwältigt; das Wort erstarb ihr auf den Lippen und schon nach wenigen Minuten umfing sie ein ruhiger, sanfter Schlummer. Wie auf schwellendem Ruhebette lag sie da am Waldesrand, lang ansgestreckt im grünen, weichen Moose. Nichts störte ihre Nutze, keines Menschen Fußtritt nahte ihr und das Summen der Insekten,- die in den Sonnenstrahlen schwirrten, das Zirpen der Grasmücke, das melodische Zwitschern der Waldvögel, das Säuseln des Luftzuges, der die Banmwipfel leicht bewegte und das Murmeln des Waldbachcs, der von der Höhe hernicderranschte, alles schien sich zu vereinigen. (Fortsetzung folgt.)