Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1883)
- Article
- Deutschland : Berlin [Nachricht]
- Date
- 1883-02-08
- Page
- 91 (sequence 2)
- Language
- German
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91 betrifft, so glaube ich, daß wir als Juden nichts dabei zu erinnern hätten, wenn man die Ablegung eines Eides überhaupt ernstlich mit einer feierlichen religiösen Form umgeben wollte. Wir würden keine Unarfjc haben, dagegen das Wort zu nehmen. In Wahrheit aber hat es sich ja bereits gezeigt, wohin das demonstrative Auftreten des Herrn Hapke zielte. Nicht der konfessionelle Eid, sondern der christliche Richter — mit Ausschluß des Richters jüdischen Bekenntnisses — ist das Ziel dieser Herren. Und wenn es gelingen würde, dem Maltzahn'schcn Antrag Annahme zu verschaffen, so wäre die erste Bresche in die staatlich garantirtc Gleichberechtigung aller Bürger eingerissen und der Weg zur Aufhebung der verhaßten Indenemanzipation geebnet. Einstweilen — und hoffentlich für alle Zukunft — werden die frommen Wünfche'diefer patriotischen Männer wohl unerfüllt bleiben. Von gewisser Seite macht man aus Mangel au Aussicht' auf eine frische fröhliche legislatorische Judenhetze in Deutschland sich in Betrachtnngen über die russische Iudenfrage Luft. In rührender sreund-nachbarlicher Besorgniß wünscht man die Russen vor dem Ueberwnchern des jüdischen Elements in dem Gelehrtenstande zu schützen. So läßt sich die ״Nord. Allg. Ztg." ans Petersburg in ihrer Nr. 44 schreiben, daß die daselbst eingesetzte Kommission zur Regelung der Verhältnisse der Inden den Vorschlag gemacht hat, denjenigen Israeliten, welche Universitätsstudien absolvirt haben, die volle Emanzipation zu gewähren. Der Korrespondent der ״Nord. A. Z." meint, eS sei dieses zwar sehr human, aber doch nicht recht weise, weil die jüdischen Studenten in Kiew, Charkow und Odessa, von welchen die Hörsäle ״wimmeln" allzusehr Zusammenhalten und gegen die übrigen jungen Leute eine gegnerische Stellung einnehmen. Die Hälfte der Gymnasiasten in Süd- und Westrnßland seien ebenfalls Inden, die Kommerzschule in Odessa zähle nur 5 pCt. nichtjüdische Schüler u. s. w. u. s. w. Ans allen diesen Gravaminis wird von den! wohlwollenden Herrn ein sehr natürlicher Entschnldigungsgrnnd zusammengestellt, weshalb in Rußland in vielen Kreisen eine so entschiedene Ab- Neigung gegen die Gleichstellung der Inden mit den Christen vorhanden sei. Nur allein in Rußland? Früher hieß es, die Inden zeigten sich bildnngsseindtich und jetzt wird ihnen das Streben nach Wissen nicht nur zum Vorwurf gemacht, sondern soll als Motiv gelten, um sie als Ansgestoßene zu behandeln! — Eine merkwürdige Naivität setzt die erwähnte Zeitung bei ihren Lesern übrigens voraus. Nachdem sie eben über die ungeheure Zahl der jüdischen Realschüler, Ghmnasiasten und Studenten geklagt, fügt sie hinzu, daß die Juden meistens noch in den Händen der Chassidim sind. Das reime sich zusaimnen, wer da mag! Die Behauptung, daß nach dem Talmud die Uebervortheilung Andersgläubiger erlaubt sei, für welche Anschuldigung 1 die ״Nord. A.Z." ihrem Korrespondenten ihre Spalten zur Verfügung stellt, als unwahr zu kennzeichnen, habe ich hier nicht nöthig, nachdem bereits in der vorigen Nummer dieselbe voll der berufenen Hand des Dr. Gngenheimer in Kolin einer Kritik unterworfen wird, welche aus den Qucl'fcn deren UnHaltbarkeit gründlich nachweift. — Die ״Grcnzboten" deren Verhalten in der ״Indensrage" kürzlich auch in dieser Zeitschrift erwähnt wurde, führen in ihrer Ausgabe vom N. v. M. in dem Artikel ״Die.antiken Christen- Verfolgungen und der Kulturkampf" n. A. au, daß die erste römische Christenhetze aut passendsten mit den mittelalterlichen Judenverfolgungen zu vergleichen seien, wenn -Unglück die Gemüther erregte und dann den Juden schauderhafte Frevel zugeschrieben wurden, so daß man deshalb das Recht und die Pflicht zu haben glaubte, sie zu quälen, oder gar zu vernichten. Nur wären die Römer versöhnlicher gewesen, als die Christen im Mittelalter. Wenn die Grenzboten also jetzt der historischen Wahrheit die Ehre geben, so haben sie selbst die in früheren Nnnunern ausgestellten Behanptnngen vernrtheilt und dargcthan, daß die aus dem Mittelalter stammenden sabelhasten Anschuldigungen gegen die Juden einen Anspruch ans Glauben nicht erheben können. * Berlin, r>. Februar. In einer gestrigen konservativen Wählerversammlnng des zweiten Berliner Reichstagswahlkreises hat sich der Abgeordnete Freiherr von Maltzahn-Gnltz gegen die antisemitische Forderung ausgesprochen, die Anstellung jüdischer Richter im Verwaltungswege ansznschließen, weil diese Forderung den Gesetzen des Landes zuwidcrlanse. (Verl. Tgbl.) — n. Altona, l. Februar. Ans unserer altehrwürdigen Gemeinde Ihnen von Zeit zu Zeit Berichte zit senden, wird mir eine angenehme Pflicht sein. Dank der Wirksamkeit ilnseres Oberrabbiners geht trotz der Lethargie in vielen Kreisen ein gewisser frischer Zttg durch das Gemeindeleben und, wenn auch vielleicht dein oberflächlichen Beobachter!licht sichtbar, gelangt doch mancher Keim zum Guten zur stillen Entfaltung und Blüthe. Der Segen, welcher ans jedent Streben, ans jedem Worte ruht, das rein und gut und wahr ist, wird sich auch bei uns zeigen. — Das alte jüdische Vereinswesen ist bei uns noch nicht erstorben. .Größere und kleinere Genossenschaften wirken für gute und heilsame Zwecke; אהד המרבה ואחד הממעיט, die Einen mit reicheren, die Anderen mit winzigeren Mitteln, Alte aber in redlichem, lobenswerthem Geiste. Dieser Tage fanden die Generalversammlungen der Vereine: Teschuath ewjanim und israelitischer FleischvertheilnngSverein statt. Der Erstere hat den Zweck, zu den Feier--