Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1883)
- Article
- Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
- Date
- 1883-02-08
- Page
- 88 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2932754-2932996-2933003-2951845--11875-2951888- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Gott, Er möge das Haus einstürzen lassen und sie j und ihre Ettern uud ihre unschuldigen Brüder unter i den Trümmern begraben.! Furchtbare Gedanken kreuzten sieh in ihrem Hirn.! — Wenn sie es anzünden würde, das HauS, — so! wäre ihr Gebet erhört — nein l nein! ״Ich bin wahnsinnig!" flüsterte sie in sich hinein und wars sich zurück auf ihr Polster und barg das Antlitz in den Kissen. Da ward es plötzlich hell im Zimmer, langsam drehte sich die Thür in ihren Angeln, schwankenden Schrittes trat Frau Ehrmann an das Bett ihrer Tochter. Mirjam sah sie nicht, denn sie hatte die Augen geschlossen, aber sie fühlte, wie die heißen Lippen der Kranken leise ihre Stirn berührten. Sie hielt sich nicht länger, hastig richtete sie sich auf und schlang ihre Arme um den Hals der Mutter und barg ihr thränenübersinthetes Antlitz an ihre Brust. Lautlos aber innig erwiederte Frau Ehrinann die Umarmung, hauchte nochmals einen Kuß auf die Stirn, legte wie segnend die Hand auf das Haupt ihres Kindes und schwankte langsam wieder der Thüre zu. — Jetzt erst öffnete Mirjam die Augen und schaute der sich Entfernenden nach — ihr war, als sollte sie sie nimmer Wiedersehen. Und durch die geöffnete Thür vernahm sie die lauten regelmäßigen Athemzüge ihres bereits schlafenden Vaters. Wie er so ruhig schlafen konnte und hatte doch vor wenigen Stunden erst sein Seelenheil verschachert! — Mirjam schauderte. — Uud bevor der kommende Tag zu Ende, sollten auch ihre Brüder, sollte sie selbst das Tauswasser auf ihrem Scheitel empfangen. — Aber nein! — nein! — sie wollte nicht! — und weder ihr Vater, noch irgend ein Mensch hatte ein Recht, sie zu zwingen. Aber hatte ihr Vater nicht die Macht? — WaS wollte sie beginnen? — So wie sie ihren Pater kannte, schrak er vor keinem Hindernisse zurück. — Wenn eö auf ihn ankommen sollte, er würde sie gefesselt in die Kirche schleppen, oder würde den Priester mit dem Taufbecken vor das Bett ihr bringen. WaS sollte, konnte sie beginnen? Die Thür zu dein Zimmer ihrer Eltern war wieder geschlossen, und wieder saß sie aufrecht in ihrem Bette und wühlte verzweiflungSvoll mit den Händen in den lockigen Haaren. Nur eines einzigen Gedankens war sie fähig: sic wollte sich nicht zwingen lassen, — um keinen Preis! — Doch wie dem Zwange entgehen? ES war Nacht, milde, laue Sommernacht — ihr Vett stand dem Fenster gegenüber; unwillkürlich richtete sich ihr Blick dorthin. — Eben war der Mond aufgegangen, sein Silberscheiu erhellte das Gemach und draußen, am nächtlich azurblauen Himmel erglänzten die Sterne. Dem verzweifelnden Kinde war es, als lockten sie sie hinaus. — Sollte sie folgen? — sollte sie entfliehen? Sie preßte beide Hände auf das Herz; eS pochte so laut; sie wähnte, im anstoßenden Zimmer könne die Mutter das Pochen vernehmen. Sollte sie entfliehen? Mirjam war von Jugend auf ein furchtsames Kind gewesen; noch nie hatte sie in nächtlicher Stunde auch nur den Hofraum betreten. — Doch wenn sie den Tag abwartete, dann war es zu spät. — Sie hatte durch ihre Weigerung, den Sabbath zu entweihen, bereits gestern die Aufmerksamkeit ihres Vaters aus sich gelenkt; sie hielt sich überzeugt, bis zu ihrer Abreise werde er sie nicht aus den Angen lassen, — was sollte, was konnte sie beginnen? Wie hell die Sterne funkeln, wie des Vollmonds Silberschein TageShelle fast verbreitete! MirjamS Blick haftete an dem Fenster, das die Fernsicht auf die Kaiserstraße bot, die wie ein weißer unabsehbarer Faden weithin sich schlängelte zwischen Feldern und Weinbergen. Wie ruhig, wie friedlich dort draußen Alles war, und in ihr gährte es und tobte eS. ״Horch! — was war das?" — mit angehaltenem Athem lauschte das junge Mädchen — einzelne, unzusammenhängende Worte drangen an ihr Ohr, — wild und drohend. Es war des Vaters Stimme, — sprach er im Traume oder wachend? ״Marie! Marie! — knie! — knie, sag ich! — knie! oder —" Mit einem Satze war Mirjam aus dem Bette. Jede Furcht war geschwunden, ihr Entschluß war gefaßt. Sie mußte entfliehen, unverzüglich — wohin? — das galt ihr gleich. — Fort, fort, sie durfte nicht zögern; bevor der Morgen graute, mußte das Elternhaus weit hinter ihr sein. Einen Augenblick stand sie überlegend, die Hand au die Stirn gepreßt, mitten im Zinnner. Wie konnte sie das zu dieser Stunde allnächtlich von allen Seiten wohl verschlossene Haus unbemerkt verlassen? — Ihr Blick schweifte umher, während sie rasch, doch mit zitternden Händen, die Sabbathkleider wieder anlegte, die sie am verflossenen Tage getragen. (Fortsetzung folgt.)