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Jeschurun · 1883-02-01 · Heft 5 (1.2.1883) · p. 72

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 5 (1.2.1883)
Article
Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
Date
1883-02-01
Page
72 (sequence 2)
Language
German
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72 ״Oft der Vater schon daheim?" fragte Mirjam, indem sie sich schlaftrunken die Augen rieb. ״Er kommt schon," erwiderte Frau Ehrmann, ״lege Dich in'ö Bett, mein Kind." Mirjam mußte gehorchen. Sie umarmte die Mutter und begab sich in das anstoßende Zinnner, wo sie zu schlafen pflegte. Frau Ehrmann war nnn allein; ihr Gatte war noch immer nicht , daheim; mit fieberhafter Ungeduld sah sic feinen! Kommen entgegen. — Sic hatte sich wiederum aufgerichtet; sie war nicht mehr so bleich wie Nachmittags; eine fieberhafte Nöthe färbte ihre Wangen und ihre Augen strahlten in unheimlichem Glanze. Ehrmann kam noch immer nicht. Es ward spät; auch unten im Schankzimmer waren bereits die Lichter erloschen; alles im Hause schlief, nur die kranke Frau wachte. Sie befand sich trotz der vorgerückten Stunde nicht im Bette; ihre Aufregung machte ihr Ruhe geradezu unmöglich. Endlich vernahm sie in der Stille der Nacht Schritte, die dem Hause sich näherten. — Mit angehaltenem Athen! lauschte sic. Sollte es Ehrmann sein? — Er war's. — Sie hörte, wie er den Hausschlüssel, den er stets bei sich trug, in das Thürschloß steckte, und wie die schwere Thür sich knarrend in den Angeln drehte. Dann vernahm sie nichts weiter, denn Ehrmanu, der die Ruhe seines leidenden Weibes zu stören fürchtete, hatte möglichst geräuschlos die Hausflur durchschritten. Bor der Ziinmcrthür blieb er lauschend stehen, daun erst öffnete er sie vorsichtig. ״Ach, Du bist noch auf? — Wie geht'S? ist Dir jetzt besser?" Frau Ehrinann erwiderte, daß sie sich ganz wohl fühle und fragte, was ihr Gatte in! Schlosse ausgerichtet habe. Er hatte den Nock abgeworfen und schritt, die Arme auf den! Rücken über einander gekreuzt, in! Zinnner ans und nieder. ״Na," erwiderte er, ״es ist so, wie ich n!ir gedacht habe, daß es fein wird. Es hat nur zwar ein Stück Lunge gekostet, aber dnrchgesetzt habe ich's, daß der Gras wegen Deiner ein Auge zudrückt. ״Und die Kinder," fragte Frau Ehrmann mit bebender Stinune. ״Da geht kein Weg beiher, das habe ich Dir gleich gesagt." Ein Schrei entrang sich den Lippen der leidenden Frau. ״Das überlebe ich nicht! — das überlebe ich nicht!" murmelte sie und barg das zuckende Antlitz in den Händen. ״Dinah,!nein Kind, ich bitte Dich um Go — um alles in der Welt! nimm doch Vernunft an! — Du weißt, wie die Sachen stehen. — Es geht nun einmal nicht anders. Seit drei Jahren habe ich dem Grasen den Pachtzins nicht gezahlt, und was ich sonst noch schuldig bin, weiß ich selber kaum — die Haare auf dem stopfe sind nicht!nein. — Und wenn mir der Graf nicht so'!! guter Freund wäre, morgigen Tag's säße ich in! Schuldthurn! und Du und die Kinder, Ihr müßtet betteln gehen." ״Lieber in! Schuldthurn! sitzen und betteln gehen, als die Seele verkaufen." ״So?!!!einst Du? — bist vielleicht schon im Schuldthurn! gesessen, oder bist betteln gegangen, daß Du weißt, wic's thut? — Ja, reden ist leicht, aber wenn's dazu kü!ne; bist' etwa gewöhnt zu betteln?" ״Und bin ich etwa gewohnt zu — zu —" sie brachte das Wort nicht über ihre Lippen. ״Aber von Dir verlangt's doch auch keiner," siel Ehrinann ungeduldig ein. ״Der Graf hat zwar partout gewollt, daß wir alle mitsammen — aber zuletzt hat er doch gesagt: laß' sie!neinetwcgen Jüdin bleiben. Und ich sage Dir, wegen!!!einer kannst Du fromm sein noch dazu. Kannst Schabbcs halten und Peßach machen uud's Fleisch koscher machen — Keiner wird Dir drein reden." ״Aber Du und die Kinder —״ ״Ja, für was, gehört was. Oder hast Du etwa gemeint, um-mein schön'Ponim willen möchte mir der Graf den Zins Nachlassen und bei den Andern für!uich gut stehen?" Ehemann," flehte die Frau, indem sic verzweiflungsvoll die Hände zu ihn! empor streckte, ״ich bitte Dich um Gottcswillcn! denk' an Deine gottseligen Eltern, die doch beide so fromm gewesen sind! — und an meine Eltern selig! — Nimm Alles auf Dich — laß uns betteln gehen! — Alles besser, als die Seele verkaufen." Doch der Mann hatte finster die Augenbrauen znsammengezogen. ״In den Thurm stecken lassen? — betteln gehen? — Meinst Du, ich hätte keine Ehre in! Leibe? — Und überdies, es ist ja auch alles schon zu spät. — Ich habe Dir's eigentlich heute Nacht nicht mehr sagen wollen — aber mir scheint, cs ist besser, Du wcißt's schon, — denn Du weißt doch auch, daß eine geschehene Sach' nicht ungeschehen gemacht werden kann. — Und darum muß ich Dir sagen — bei mir ist'S schon geschehen." Sie verstand ihn nicht. ״Was ist bei Dir geschchcn?" murmelte sie, ״ich weiß nicht, was Du meinst." ״Nun, Du weißt doch — das —cs ging ihm auch nicht so leicht über die Lippen, — ״das — in der Kirche — der Graf hat dabei sein wollen — und darum hat der Kaplan heute Abend in der Schloßkapelle mich getauft. — Und ich lebe doch noch," fügte er mit rohem Lachen hinzu, ״und so werden's die Kinder auch —" (Fortsetzung folgt.)

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