Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1883)
- Article
- Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
- Date
- 1883-01-25
- Page
- 56 (sequence 2)
- Language
- German
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56 Er trat zum Spiegel, um seine übrige Toilette in Augenschein zu nehmen, während die bleiche Frau seufzend nach der Nadelbüchse griff. ״Mutter!" flehte Mirjam, ״um Gott! bedenke — es ist Sabbath —" ״Gott wird cs mir verzeihen," flüsterte die bleiche Frau, ״in der Wuth könnte er Dir ein Leid authun." ״Um meinetwillen willst Dn den Sabbath entweihen? ich bitte Dich nur Gottcswillen!. —" Aber die Mutter hielt bereits die Nadel zwischen den bebenden Fingern und versuchte den Faden in daS Nadelöhr cinzusührcn. Da ward cs Plötzlich Nacht vor ihren Augen; wie das Brausen des Meeres tönte es in ihren Ohren und bewußtlos brach sie zusammen. ״Weh! die Mutter stirbt!" schrie Mirjam verzweislungsvoll und stürzte auf sic zu. Mit einem wilden Fluche war auch Ehrmann an der Seite der Ohn- י mächtigen, die er trotz seiner Rohheit leidenschaftlich liebte. ״Bringe Wasser, Essig!" schrie er Mirjam zu, indem er die Bewußtlose in seinen starken Armen cmporhob und vorsichtig auf das Kanapee legte. Im war Mirjam mit dem Verlangten zur Stelle und bestrich die Schläfen der Mutter mir Essig, während Ehrmann kaltes Wasser in das marmorbleiche Antlitz sprengte. ״Sie kommt zu sich," stüstertc er, inbcm er erleichtert aufathmete, ״gleich wird ihr gut sein, aber ich kann es nicht abwartcn, ich muß fort. Gieb Acht, Marie, rveichc nicht von der Mutter und lasse die Kinder nicht herein. Und wenn ihr besser ist. bringe ihr Wein und rede ihr zu, daß sic ein GlaS trinkt — ich muß jetzt fort." Er griff bei diesen Worten seinen Rock und wollte ihn überziehen, als er gewahrte, daß das Futter daran hernicderhing. ״Verflucht!" murmelte er und preßte die Lippen aufeinander. ״Sei brav, Marie, Du siehst, ich brauch's, näh' mir's." Sie schüttelte verneinend das Haupt, während sie sortfuhr, durch naßkalte Tücher die Stirn der Ohnmächtigen zu kühlen. ״Aber Du mußt!" flüsterte Ehrntann heftig, ״ich weiß nicht, was ich machen soll." ,/Reiße Dir selber den Fetzen herunter," entgcgnete Mirjam leise. Im Nu hatte der Vater den Rath befolgt, dann stülpte er den Hut auf sein ziemlich unförmiges Haupt, warf noch einen Blick auf die Leidende und eilte zur Thür hinaus, die Stiegen hinunter. Unermüdlich fuhr Mirjau! in ihrer Pflege fort und hatte bald die Freude, daß die Mutter die Augen nnfschlug. ״Gelobt sei Gott!" flüsterte daS geängstete Kind, ״wie ist Dir jetzt, Mutter?" ״Wo ist der Pater?" stammelte die sich allmählich Erholende, während ihr Blick suchend im Zimmer umherschwcifte. ״Der Vater hat fortgeheu müssen," erwiderte Mirjam, ״aber er hat gesagt, ich solle Dir Wein bringen. .Wirst Du ihn jetzt trinken?" Sie ließ sich in Wirklichkeit überreden, einige Lössel des stärkenden Getränkes zu sich zu nehmen, und einigermaßen gclräftigt, versuchte sie, mit Mirjam's Hülse sich anfznrichten. ״Dank Dir, mein braves Kind," sprach sie leise, indem ihre weißen durchsichtigen Finger über die blonden Haare ihrer Tochter glitten. ״O, Du bist brav — so brav — aber wie wird cs nur weiter gehen?" und ein banger, schmerzlicher Seufzer entrang sich ihrer Gruft. Mirjam zog die schmale weiße Hand ihrer Mutter an ihre Lippen. ״Was meinst Du damit, Mutter, — wie cs weiter gehen wird?" Frau Ehrmann seufzte abermals. ״Am Ende ist es besser, ich sage es Dir heute, als daß Du morgen wie vor den Kopf gestoßen bist." Aber sic zögerte dennoch, und Mirjam mußte sie wiederholt ersuchen, zu ihr zu sprechen, bevor sie sortfuhr: ״Wir gehen fort von hier, Mirjam, ganz fort." ״Fort?" ricf Mirjaut überrascht, ״wir alle? — und wohin beim?" ״Freilich wir alle. — Das heißt, der Vater und ich und ihr Kinder — die Dienstboten bleiben zurück." ״Aber wohin denn, Mutter, wohin?" ״Nach Woikersdorf; der Vater hat dort ein anderes Branntweinhaus gepachtet. Aber Du darfst zu keinem Menschen davon reden, hörst Du, Mirjam, zu keinem Menschen. —" ״Sei ruhig, Mutter, ich schwatze nichts ans. Aber wann gehen wir denn fort?" ״Morgen. Ob früh oder Nachmittag, daS wird der Vater jetzt erst hören." ״Morgen schon? und bis morgen mnß noch Alles gepackt werden?" ״ES ist nicht gar so viel; die Gcräthe bleiben hier, daß Keiner zu früh davon hört. — Ach Gott! ach Gott! wie wird das gehen!" ״Aber, Mutter," tröstete Mirjam, ״warum sollte denn das nicht gut gehen? — ist es denn in Woikerödorf so arg?" Frau Ehrmann richtete einen cigcnthnmlich schmerzlichen Blick auf ihre Tochter. Sie öffnete die Lippen, als wolle sie reden, brachte aber kein Wort hervor. Da wurden draußen Kinderstimmen laut. Mirjam, getreu der Weisung des Vaters, eilte hinaus, um zu verhüten, daß die Kleinen zur Mutter in's Zimmer stürmten. (Fortsetzung folgt.)