Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1883)
- Article
- Deutschland : Berlin [Nachricht]
- Date
- 1883-01-18
- Page
- 43 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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so würde gerade hier der Grundsatz gelten, was dem Einen recht ist, ist dem Andern billig. Würden Bedenken, wie Herr Hapke hegte, gerecht erscheinen und Berücksichtigung finden, dann müßte man auch die gleichen Bedenken bei dem Inden billigen und ihnen gerecht werden. Aber leider ist das Vornrtheil blind und wenig geneigt, ernstlich nachzudcukcn. Und so wundern wir uns auch nicht, wenn die ״Germanin" mit wichtig ernster Miene die Frage erörtert zu sehen wünscht, ob Juden nicht nur Christenblut genießen, sondern sogar zu gottesdienstlichen Zwecken Christen, namentlich Jungfranen, schlachten. Der berühmte Professor Dr. Dillmann hat wahrlich recht, wenn er in dieser, die Welt augenblicklich in Aufregung haltenden Angelegenheit schreibt, er verspreche sich von theoretischen Widerlegungen gar keinen Nutzen, weil die Leute, welche solche wahnwitzige Anschuldigungen auösprcngen, selbst nicht daran glauben und die fanatische Menge nicht eines Bessern belehrt sein will. Die Schriftsteller, welche das Mahrchcn von dem au dem Mädchen von Tisza Eßlar angeblich von Juden verübten Morde zu religiösen Zwecken ersonnen haben und verbreiten, sind nach unserer Meinung von der Unwahrheit desselben sehr wohl' überzeugt. Sie wollen nur das Volk zum -Haß gegen die Juden aufstacheln. Die ״Magdeburger Ztg." bemerkt hierzu mit vollem Rechte: ״Auf die Frage, warum denn die Juden heutzutage nicht mehr zu rituellen Zwecken etwas verüben sollten, was sie gcständigermaßcu mehr als einmal in vergangenen Zeiten begangen haben, giebt cs nur eine zutreffende Antwort: Sie unterlassen den rituellen Mord an Christcnkindcrn heutzutage ganz aus demselben Grunde, aus welchem gegenwärtig die Hexen, Zauberer und ״Unholde" keine Gewitter, Stürme, Hagel und Raupen mehr machen, nämlich weil die Folter aus der geltenden GerichtSpraxiö abgeschafft ist. Ohne Folter hätte nie ein Jude wegen der angeblichen rituellen Äbschlachtung von Christenlindern den Scheiterhaufen bestiegen . . . Und in der That ist eS wohl angebracht, darauf hinznweiscn, wie gefährlich und gewissenlos es ist, wenn Zeitungen oder gar Behörden die Wahnvorstellungen früherer Jahr- Hunderte als beweiskräftiges Zengniß hcrvorhcben. Wir sind noch lange nicht über dem Berge; noch von 1855—1868 hat der bekannte Professor Vilmar in Marburg die Realität und gerichtliche Strafbarkeit des Tcufclsbündnisses und der Hexerei gelehrt, und auf katholischer Seite vertritt der angesehenste katholische Dogmatiker der Gegenwart, einst das Orakel Pius' IX., der römische Professor Johannes Pcrrone, und der anerkannteste Moraltheologe, der berüchtigte Seminar- Professor Johann Peter Gury, ganz dieselbe Lehre." Doch was rechten wir mit der schwarzen ״Germania?" Haben doch die ״Grcnzbotcn" ihr grünes Blatt nicht für zu gut erachtet, um in noch viel bestimmterer Weise die Fabel von der jüdischen Mordlust und der jüdischen Blutgier als erwiesene Thatsachc hinzustellen, die Grenzboten, welche ihr Dasein und ihren vergangenen Ruhm, von welchem sic noch jetzt zehren, dem Inden Kuranda zu danken haben! Wird Deutschland, wird Europa stark genug sein, diesen von allen Seiten geschürten Judenhaß zu überwinden? Wir hoffen eS; wir glauben an das mächtige RechtSbewußtscin, an die wirklich fortgeschrittene Aufklärung unseres Jahrhunderts, trotzdem und alledem. * Aus Bayern. Mit dem Fortschritte des Wissens und Forschens auf dem Gebiete der Erkcnutniß und Anwendung der Naturkräfte, dessen unsere Zeit sich mit Recht rühlncn darf, hat leider die Anerkenntniß und Verehrung des Meisters der Natur in dem Geiste und Herzen der Männer der Wissenschaft nicht feste Wurzel gefaßt. Im Gcgcntheil scheint eS, als ob das Bewußtsein von Gott und von dem Gott schuldigen Gehorsam in gewissen Kreisen immer mehr verloren zu gehen droht. Und dieser, rvcnn wir uns so ausdrücken dürfen, moralische Rückschritt scheint sich nicht auf den Hörsaal der Universitäten und die Schriften der Gelehrten allein beschränken zu wollen, ganzen Schichten der Bevölkerung hat sich die Anschauung, aus welcher derselbe resultirt, mitgetheilt. Auch jüdische Kreise haben sich von diesem rücklänsigen Strom der Zeit erfassen lassen. Der Abfall von der Lehre Gottes war die Folge. Den ״Stolz Jakobs," die Treue,!velche die Jakobsfamilie während der trübsten Zeit mittelalterlicher Jahrhunderte glänzend bewährt, verleugneten sie; dem göttlichen Gesetze, dessen gewissenhafte Beobachtung Israel gefeit hatte gegen die eS umgebende düstere Barbarei, wandten sie den Rücken und sagten sich loS von den weisen Institutionen, welche in den Ghctti ein Gemeinde- und Familienleben zu erzeugen verstanden, vor deren Hellem, reinem Glanze auch die Feinde der Juden sich verehrend beugen. Ein neues Judcnthum wollen sie sich schaffen, ein Judcnthnm ohne Thora. Zur Zeit, in welcher diese Umwälzung in Deutschland auhub, wurde Bayern vcrhältnißmäßig weniger als viele andere Gegenden davon betroffen. Es war damals so glücklich, mehrere bedeutende große Männer an der Spitze mancher seiner Kreise zu wiff'eu, deren segensreiche Wirksamkeit und erhabenes Beispiel auch über ihre Bezirke hinaus dem Abfall ein mächtiges Wehr entgegensetzten. Wir erinnern hier an Männer wie Rabbi Abraham Bing, Rabbi Wolf Hamburger, Rabbi Abraham Wechsler 11. A. m. Das unsterbliche Verdienst dieser Männer ist aber namentlich auch.darin zu suchen, daß sic das Thorastndium zu sördcrn bestrebt waren. Sie waren tief davon durchdrungen, daß die Kenntniß deS Gesetzes