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Jeschurun · 1883-01-18 · Heft 3 (18.1.1883) · p. 40

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 3 (18.1.1883)
Article
Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
Date
1883-01-18
Page
40 (sequence 2)
Language
German
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Mirjam, ״Niemand kann mir helfen! — und ich darf Dir's nicht sagen! — nein, ganz gewiß, ich darf Dir's nicht sagen." Nahe!, der die Kleine sonst alle ihre Kümmernisse anzuvertraucn pflegte, war ernstlich beunruhigt; doch sie drang nicht weiter in sie, ihr die Ursache ihrer Thränen mitzutheilen. Sie zog sic naher an sich, strich ihr die in Verwirrung gerathcnen Haare aus der Stirn, streichelte ihr die thräncnüberflntheten Wangen und suchte das alllnählich ruhiger werdende Kind auf andere Gedanken zu lenken. ״Ach, Mirjam, ich habe Dir ja noch gar nicht die neueste Neuigkeit erzählt. Denke Dir nur, ich habe mich heute Nachinittag verlobt, ich bin Vraut." ״Du? rief Mirjam sich hastig aufrichtend und mit inniger Theilnahme zu der altern Freundin emporblickend. ,,Nein, sage mir, ist eö wirklich wahr? Du bist Braut? — Und mit wein denn?" ״Mit Herrn MoscS Kohn, Du kennst ihn doch, dem das der Synagoge gegenüber liegende HauS gehört." ״Mit dem? Ach, wie schön, wie freue ich mich! und wie tnnßt Du Dich freuen, Nahel. Ach, wenn ich nur auch erst Braut wäre!" Nähel lachte laut auf. ״Eilt Dir's so ׳sehr? und weswegen denn eigentlich? wegen der Ausstattung, oder wegen des Hochzeitöknchens?" ״Ach, für wie kindisch hältst Du mich noch!" klagte die Kleine. ״Und weswegen möchtest Du denn so gern schon Braut sein?" fragte Nahet noch immer lachend. ״Weil ich dann gar nicht mehr darauf zu hören brauchte, was der Vater sagt," flüsterte Mirjam, indem sie glühend roth ward und scheu um sich blickte. ״Da bist Du aber doch im Jrrthum," entgegncte Nahel ernst, ״den Eltern ntuß man immer folgen, wenn man auch Braut ist und sogar, wenn man verhcirathct ist, auch." ״Immer?" wiederholte Mirjam seufzend. ״Und Alles muß man thun, was die Eltern befehlen? — Alles?" Es lag ein so cigcnthümlicheö Beben in ihrer Stimme, daß Nahe! betroffen in ihr erregtes Antlitz schaute. ״Freilich," sagte sie, ״Alles muß man thun, was die Eltern befehlen. — Versteht sich, wenn eS nichts Unrechtes ist. — Unrechtes darf man natürlich nie thun, auch wenn cö die Eltern befehlen würden." Mirjam lehnte ihre heiße Stirn an RahelS Schulter. ״Ich!nöchte auch nie Unrecht thun," sagte sie leise, ״nein, glaube mir —״ ״Marie! Marie!" rief eine laute Stimme.; ״Der Vater ruft," rief Mirjam aufspringend, ״Adieu Nahel!" und damit eilte sie hastig dem offenstehenden Gartenthor zu, das von Lcwin'S Garten zu dein Hofraum seines Nachbarn führte. Lewin'S HauS war das letzte in der Judengasse. . Der dazugehörige Garten lag seitwärts vom Hause, und durch ein leichtes Gitterthor gelangte man zu dem Hofe des sogenannten Branntweinhauses, das Wolf Ehrmann, Mirjams Vater, seit einer Ncihe von Jahren in Pacht hatte. Wolf Ehrmann stand in Hemdärmeln in der offen stehenden Hofthür und blickte finster auf das herbeieilende junge Mädchen. ״Du hast mich gerufen, Vater?" fragte Mirjam, fast athemloS vom raschen Lauf. ״Freilich, habe ich Dich gerufen. Wo hast Du denn schon wieder gesteckt?" ״Ich war bei Nahel." ״Bei der Scheinheiligen? — hättest auch was Besseres thun können; ich habe Dich im ganzen HauS gesucht. Na, mach' geschwind, konun' hinauf." Er schritt voran; sie folgte ihm die Stiegen hinan in das Wohnzimmer, welches in dem obern Stockwerke sich befand. Auch hier hatte Alles ein sabbathliches Aussehen. Der Tisch war mit weißem Linnen gedeckt, daS sogar seiner war, als bei Lcwin; denn Ehrmann galt für wohlhabend. Aber der Blumenstrauß fehlte und die glücklich zufriedenen Gesichter, die das Stübchen im Nachbarhause so traulich erscheinen ließen. ״Schau, Marie, was nur da Passirt ist," sagte Ehrmann, indem er ans ein Kleidungsstück deutete, an dem daS Futter an einer Seite zerrissen hernieder hing; ״muß da rasch hinauf gehen in'S Schloß zum gnädigen Herrn und bleibe da mit dem Futter von meinem guten 'Nock an der Küchenthür hängen. Mach' geschwind, nimm Nadel und Zwirn und heste eS mir hinauf." Voll Schrecken wich Mirjam zurück. ״Nachher, wenn Nacht ist, will ich es Dir machen, Vater; jetzt geht'S nicht, jetzt ist noch Sabbath." ״Verfluchtes Ding! mit Deinem Sabbath! gleich gehst her und thnst, was ich befehle, — oder —" er machte eine drohende Bewegung. Mirjam erbebte, doch sie wich nicht von der Stelle. Außer sich vor Zorn packte Ehrmann das zarte Mädchen am Arm und stieß eö zu dem Tische, auf den er daö erwähnte Kleidungsstück geschleudert. Dann riß er die Schublade eines im Erker befindlichen Nähtischchens auf, nahm Nadelbüchse und Garn heraus und warf beides dem zitternden Mädchen zu. ״Jetzt werde ich sehen, ob Du folgen wirst, oder —״ er griff nach einen: Knotenstock und hob ihn drohend. Fortsetzung folgt.

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