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Jeschurun · 1883-01-11 · Heft 2 (11.1.1883) · p. 29

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 2 (11.1.1883)
Article
Österreich-Ungarn : Preßburg [Nachricht]
Date
1883-01-11
Page
29 (sequence 2)
Language
German
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Herrn I. L. Schreiber in Drohobycz, welcher sich zu diesem Zwecke noch Brody begeben, die Summe von zehntausend Gulden an die daselbst schon Monate lang auf Hülfe wartenden russischen Flüchtlinge vertheilen lassen, um ihnen die Rückkehr nach Rußland zu ermöglichen. 50 Familien erhielten je 200—250 Gulden; auch sännnttichen anderen in Brody sich aufhaltenden Russen wurden erhebliche Unterstützungen gewährt. Die Herren A.B. Kluger und Isaak (5hageS, die schon bis jetzt mit seltener Sorgfalt für unsere russischen Brüder thatig waren, standen ihm in dieser Angelegenheit getreulich zur Seite. Frankreich. Paris, 8. Iairuar. Gestern bereitete Frankreich seinem so rasch dahmgerafften Lieblingssohnc eine Bestattungsfeierlichkcit, welche an imposanter Größe alles übertraf, was selbst die Millionenstadt je gesehen. Unsere Glaubensgenossen haben sich in hervorragender Weise an dem Zuge Letheiligt, der sich durch die breiten von Menschenmassen dicht gefüllten Straßen in würdevoller Ruhe dahin bewege. Die Juden werden Gambetta's Andenken stets in Ehren halten. Er war ihnen ein treuer Freund. Schüler und Sekretär Eremicup's, hat er späterhin selbst viele hervorragende Israeliten zu seinen Mitarbeitern, einen zum Mitgliedc seines Ministeriums, berufen. Dank hierfür gebührt nicht nur den: französischen Staatsmanne, sondern auch der französischen Nation, welche in ihrem politischen Leben ihre Angehörigen nicht nach Konfessionen und Nac׳cn eintheilt, welche nur gleichwertige und gleichberechtigte Bürger kennt. Weint die Juden selbst in denjenigen Ländern, wo ihnen stiefmütterlich begegnet wird, dem Staate hingebungsvolle Treue und Anhänglichkeit entgegenbringen, so wird man eS begreiflich finden, daß die Israeliten Frankreichs glühende Patrioten sind, und diese wirklich enthusicrstische Liebe zürn Baterlande sich bei jeder Gelegenheit!׳ethätigt; so wird man cs auch verstehen, wenn dieThräuc, welche heute Frankreich seinem großen Bürger weint, 4nch dem jüdischem Auge entquillt. England. Liverpool, Die s. Zt. zur Beförderung der russischen Flüchtlinge als Zweigkomite des London- Mansion-House-Eoniittce in Liverpool eingesetzte Kommission hat einen: sehr übersichtlichen interessanten Bericht über ihre Wirksamkeit erstattet. Wir entnehmen demselben mit Vergnügen die außerordentliche Sorgfalt und Umsicht, mit welcher die Kommission sich ihrer schwierigen Aufgabe erledigt hat. 6274 Personen, nämlich: 4422 Erwachsene, 1325 Kinder und 527 Schoß- Huber sind auf 31 Steamers in der Zeit vom 27. April bis 12. Juli nach Canada und den Vereinigten Staaten von Amerika befördert worden. Dieselben repräsentirtcn 2562 Familien uttb nach Gewerben verthcilt: 424 Landlente, 34 Bäcker, 21 Brauer, 21 Chemiker, 42 Geschäftsgehülfen, 19 Krämer, 28 Juwcliere, 110 Tischler, 274 Arbeiter, 30 Mechaniker, 61 Metallarbeiter, 11 Sattler, 97 Schuster, 129 Schneider, 12 Gerber, 7 Weber, 189 TabackSarbeiter, 20 Uhrmacher, 11 Kürschner, 19 Müller, 91 Blechschmiede, 46 Maler und Tapezierer, 3 Küfer, 14 Glaser, 7 Friseure, 67 Schlachter, 12 Seiler, 4 Maurer, 9 Seiseusieder, 31 Gelehrte und 719 verschiedene nicht namentlich aufgesührte Gewerbe. Die Thätigkeit der Kommission umfaßte die Unterbringung und Verpflegung der Flüchtlinge während ihres Aufenthalts in Liverpool, deren Versorgung mit nüthigcr Bekleidung und deren Weiterbeförderung. Ein Jeder erhielt außerdem eine an dem Bestimmungsorte zahlbare Anweisung und etwas bares Geld. Ganz besonders wurde dafür gesorgt, daß die Verpflegung während der Seereise ebenfalls streng den jüdischen Ncligionsgesctzen entsprechend bewerkstelligt werden konnte. Anfangs wurde das Fleisch präparirt in Büchsen geliefert; aber schon von der zweiten Einschiffung an zog man es vor, dasselbe in frischem Zustande auf die Schiffe zu liefern, wo eö unter gehöriger, von den Flüchtlingen selbst besorgter lieberwachung in Behandlung genommen, für die Reise konscrvirt und in vorschriftsmäßiger Weise verschlossen und gesiegelt wurde. Die Kommission verausgabte im Ganzen 29895 Livres 10 Sh. 10 Pence, also etwa 596000 Mark. — Es gebührt derselben die allgemeinste dankbare Anerkennung. Rußland. In der gewissen Voraussetzung, daß Ihr gcschätztcS Blatt die Tendenzen des alten ״Jeschurun" sich zum Ziele gesetzt und nach dem Verhältnisse eines Wochenblattes zu einem Monatsblattc mit einem erweiterten Programm, ebenfalls ״die Förderung jüdischen Geistes und jüdischen Lebens״ anstreben werde, begrüße ich das Wiedererscheinen desselben von vorn herein mit der freudigsten Sympathie. Als einen moralischen Erfolg von unberechenbarer Tragweite würde ich eS ansehen, wenn Ihr Blatt im Kreise meiner jüdisch-russischen Kompatriotcn Verbreitung und eifrige, aufmerksame, verständnißinnige Leser fände. Für die Ansichten über Judcnthum und jüdisches Wesen, wie sie hier zu Lande bei den Denkenden, sogenannten vorherrschend sind, wäre das ein Lichtstrahl in dichter Finsterniß. So Manchen, die, vermeintlich gcist- und sinnreich über jüdische Religion philosophircnd, Alles wegphilosophiren zu können glauben, müßten da die Augen aufgehen, und so Manche beschämt ihrer Hohlheit und Nacktheit inne werden. Denn während die jüdische Lebensanschauung, namentlich die geschieht-

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