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Jeschurun · 1883-01-11 · Heft 2 (11.1.1883) · p. 24

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 2 (11.1.1883)
Article
Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
Date
1883-01-11
Page
24 (sequence 2)
Language
German
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hat den Menschen wohl gern gehabt — na, warum denn nicht? er ist ein schöner Mann und alle Welt hat gemeint, er wäre auch ein braver — ich selber habe ihn auch gern gehabt, warum denn nicht? — Seit sie aber weiß, was für Einer er ist — na, ich will sie nicht rühmen, man soll sein eigen Fleisch und Blut nicht rühmen — aber sagen muß ich ich Ihnen, jetzt haben wir's erst gesehen, was für eine Perle unsere Nahe! ist! — Was sagst Du, ist's nicht so? — habe ich nicht recht?" ״Wahr ist'S freilich," erwiderte .Frau Lcwin, ״nimmer hätte ich geglaubt, daß ein Mädchen, wenn ihm das zukommt, was unserer Rahel zngckommen ist, — daß, wollt' ich sagen, Eine so ruhig bleiben kann, so — so — ich weiß selber nicht, wie ich's nennen soll. — Aber man hat ihr doch kein Wort zu sagen gebraucht. Wäre eS nicht, daß sie bisweilen so blaß aussieht, man könnte meinen, sie hätte sich nimmer um ihn gekümmert. Aber was ich. noch sagen wollte, PincheSleben, warum hast Du das Herrn Kohn erzählt?" ״Warum ich es ihm erzählt habe? Masche, mein Kind, wie kommst Du mir vor? so eben sagst Du selbst, unsere Nahel würde ihm jetzt wohl leinen Korb geben und —" ״Nun ja, das meine ich auch. — Aber er braucht um dessentwegen noch nicht zu glauben, daß Du ihm jetzt Dein Kind antragen willst." ״Geh, geh, geh, Maschelebcn, das sind Narretheien! Wasch' mir den Pelz, aber mach' ihn mir nicht naß. Du möchtest ihn zum Eidam haben, den Herrn Kohn, aber thun soll Niemand etwas dazu!" ״Hm," meinte die zartfühlende Frau, ״wissen kann man cs gerade auch nicht, ob es ihm gefällt, daß Du sie ihm jo herausstreichst." ״Ob es ihm gefällt? — wirst'S sehen, ob es ihm gefällt; lange wird cs nicht dauern, so kannst Du ihn selbst darum fragen." Lewin hatte Recht; eS währte gar nicht lange. ES war am Sabbathnachmittag. An dem mit weißem Linnen gedeckten Tische, auf welchem ein duftender Blumenstrauß zu Ehren des heiligen Tages prangte, saß Frau Masche, ihre Lieblings-Lektüre ״Die leuchtende Lampe" vor sich aufgeschlagen. Doch ob sie heute aufmerksam darin las? wir möchten es bezweifeln. Ihr Gatte, in Hemdsärmeln, doch übrigens in vollständiger Sabbath-Kleidung, schwarzer AtLaSweste, rothen Safsianpantoffeln, das goldgestickte HauSkäppchen aus dein Haupte, ging, die Hände in den Hosentaschen, leise summend aus und nieder. Non Zeit zu Zeit wechselte er einen verstülldnißinnigen Blick mit seiner Frau und beide schallten dann mit glücklichem Lächeln zum Fenster hin, wo Rahel in einem Sessel lehnte, und vor ihr unser guter Bekannter, Herr Kohn, stand. Schon dessen Toilette lies auf den ersten Blick erkennen, daß sein Besuch kein gewöhnlicher. Der hohe, glänzende Cylinder, der sein Haupt schmückte, schien soeben aus dem Hutladen zu kommen und der feine schivarze Anzug war sicherlich noch nicht lange im Gebrauch. Sein ehrliches Antlitz strahlte wie verklärt, sein innigster Wunsch sollte sich nun endlich erfüllen. Nahel sah allerdings nicht so glückstrahlend ans, wie die Ettern und ihr Bewerber, aber sie war schön wie intmer, vielleicht noch schöner. Ihre in jüngster Zeit etwas bleichen Wangen erglühten in jungfräulicher Verschämtheit, denn sie einpfand die bewundernden Blicke deS sich zu ihr neigenden Mannes, der ihr soeben in möglichst wohlgesetzten Worten seinen Dank ausgesprochen, daß sie seine Bitte erhört; und in zunehmender Befangenheit wandte sie den Blick zum Fenster, das in den Garten führte. ״Nun Rahel,!nein Kind!" rief der Vater hinzutretend, ,,hast Du denn unserm lieben Herrn Kohn gar nichts'zu sagen?" ״Lassen Sie es gut sein, Schwiegervater," siel Kohn ein, ״das eine Wort, welches Nahel heute an mich gerichtet, macht mich unendlich glücklich." Nahe! aber sprach: ״Ich habe Herrn Kohn gesagt, daß ich jenes Unwürdigen nicht mehr gedenken will, trotzdem aber nicht geglaubt hätte, mich schon jetzt entschließen zu kommen, einem Andern meine Hand zu reichen. Nur weit meiner Eltern sehnlichster Wunsch —״ ״Ich weiß, ich weiß," fiel Kohn ein, ״Sie sind eine gute Tochter, Nahel. Ich bin gewiß, Sie werden ״nr 2uch eine gute, treue Gattin sein." ״Das werde ich," versetzte Nahel, indem sie voll zu ihm aufblickte und ihm willig ihre Hand überließ, die der überglückliche Mann in überströmender Zärtlichkeit und doch mit einer gewissen komischen Unbeholfenheit an seine Lippen drückte. Die Liebe des wackeren Mannes war von einer Innigkeit und Tiefe, wie man sie dem im Ucbrigen ziemlich prosaisch Drcinschauenden nimmer zugetraut hätte. Nahel wußte dieses zu würdigen und beglückte ihn durch die Versicherung, daß Frömmigkeit und Lauterkeit des Karakters ihr weit höher gelten, als Gewandtheit und äußere Formen. Das selige Lächeln ihres Verlobten, die liebevoll zustimmenoeu Blicke ihrer Eltern lohnten diese freundlichen Worte. Die Zeit verstrich unter traulichen Gesprächen und ehe man sich dessen versah, ertönte von der Gasse her die schnarrende Stimme des Gemeindedicners, der ״zum Gebet!" riest Schwiegervater und Schwiegersohn machten sich eiligst auf den 'Weg zur Synagoge. (Fortsetzung folgt.)

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