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Jeschurun · 1883-01-04 · Heft 1 (4.1.1883) · p. 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 1 (4.1.1883)
Article
Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
Date
1883-01-04
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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sich bereitversammelt hatte und der Lorbetcr mit seiner schönen klangvollen Stimme in dein alten Herrlichcn Liede die Sabdathbraut willkommen hieß, da hatte sich Plötzlich ein durchreisender Pole biin die vorderen Reihen gedrängt und war mir halb unterdrncktem Schrei, dem Vorbcter anstarrcnd, stehen geblieben. Dieser hatte ihn schwerlich gewahrt, und während de- Gottesdienstes war ihm überhaupt von keiner Seite Beachtung geworden. Doch Eifersucht schärft den Blick. Nach Beendigung der Gebete war Kohn hcrbcigecilt, hatte den Fremden mit denr üblichen ״Schalom alechem" begrüßt und ihn zu Tische geladen. Ein Anderer war ihm jedoch schon zuvorgekommcn, und dankend hatte der Pole abgclchnt. Kohn biß sich auf die Lippen-, doch anfgcschobcn ist nicht ausgehoben; er forderte den Fremden auf, ihn am folgenden Tage zu besuchen, und dieser sagte zu. Der brave Mann hätte die Einladung ersparen können, da- Berhängniß war rascher als er. Der Gastfrennd, bei dein der Fremde den Sabbathabend verbrachte, war zwar kein Gegner des Vorsängers, doch auch er hatte den eigenthümlich-en Blick bemerkt, mit dem der Durchreisende den Ehasan betrachtet, und als sie nach beendetem Mahle traulich plaudernd noch am Tische saßen, fragte er den Reisenden, wie ihm der Gesang in der Synagoge gefallen. Der Pole fuhr mit seinen knochigen Fingern durch den bereitergrauten Vollbart. ״Hm," erwiderte er aus׳ weichend, ״der junge Mensch hat eine kräftige Stimme." ״Ihr habt ihn heute nicht zum ersten Mal gehört?" forschte der Ändere. ״Doch," entgegncte der Fremde, ״gehört habe ich ihn heute sicher zum ersten Mal, aber —" Er stockte und fuhr abermals hastig mit den Fingern durch den Bart. Die Neugier de- Hausherrn war erregt. ״Ihr betont da- ״gehört" so eigen, daß man schwören möchte, Ihr hättet ihn doch schon irgendwo gesehen. Kommt, berichtet, was Ihr von ihm wisset; Ihr kennt ihn vermuthlich von früher, hier ist er erst seit fünf Monaten als Ehasan und Schochet." ״WaS?" rief der Pole, ״Schochct ist er auch?" und mit einer ihm vielleicht selbst unbewußten Äcwegung schob er hastig seinen Sessel vom Tische fort und rieb sich bald die Schläfe, bald hinter den Ohren, bald fuhr er wieder mir den Fingern durch den Bart. Mit wachsendem Staunen beobachtete der Hausherr dieses seltsame Gebahrcn und drang nun ernstlich in den Fremden, eS zu erklären. Doch der Pole zauste zur Abwechslung die langen Seiteulockcn. ״Man kann sich irrren," meinte er, bedächtig da- Haupt wiegend, ״und wie oft trifft sich'- nicht, daß zwei Menschen einander ähnlich sehen, die sich niemals gesehen. Freilich, zwischen ähnlich schm und ähnlich sehen ist auch ein Unterschied. — Und — habe ich doch gemeint, der Schlag müßt' mich treffen, als ich den Menschen vor dem Omed gesehen —" ״Und er ist unser Schächter," fiel der Hausherr ein, ״bedenket, wenn Ihr Unrechtes von ihm wisset, so seid Ihr verpflichtet, eö mitzutheilen." ״Wahr — 's ist wahr — wenn cS aber doch ein Anderer wäre! — Na, wartet nur bis morgen — morgen werde ich mich überzeugen — und wenn ich mich nicht geirrt-" Am folgenden Morgen während de- Frühgottesdienstcs ließ der Pole den Borbeter nicht ans den Augen. Er war ein frommer, gewissenhafter Mann, der cS sich nimmer verziehen hätte, einem Unschuldigen gegenüber unbegründeten Verdacht Ausdruck zu leihen, der jedoch im entgegengesetzten Falle cS als seine Pflicht betrachtete, den Betrüger zu entlarven. Als der Gottesdienst beendet imb auch der Vorbeter sich anschickte, die Synagoge zu verlassen, trat der Fremde dicht an ihn hinan und schaute ihn! mit seinen großen dunkeln Augen forschend in das Angesicht. Unangenehm berührt durch dieseungewöhnliche Gebahren, wollte der Gemeindebeamte rasch an ihm vorübcrschreiten. Er besann sich jedoch eines Anderen und bot dem Frcnlden mit dem üblichen Gruße die Hand. Der Fremde aber erwiderte weder den Gruß, noch berührte er die ihm dargebotene Hand; er neigte | sich noch näher zu dem ihm gegenüber Stehenden und I flüsterte dem Erbleichenden einige Worte zu. Wie von Furien verfolgt, war der Vorbeter darauf aus der Synagoge geeilt. Als nach kaum zwei Stunden die Gemeinde auf's Neue sich versammelt hatte und der Mussaf-Gottesdienst beginnen sollte, da — fehlte der Vorbeter. — Man schickte in seine Wohnung; überall hin, wo man ihn vermuthcn konnte — er war verschwunden. — Und gleich darauf hatte sich das Gerücht verbreitet, jener bereitmehrfach erwähnte Fremde habe in dem Ehasan einen Menschen erkannt, dem er im Vorjahre in London begegnet war, gerade als derselbe aus einer Kirche trat, in der er die Taufe empfangen. Acht Tage umreit verstrichen. Die Erregung in der Gemeinde ob deplötzlichen Verschwindens ihres Schächters und degleichzeitig über denselben aufgetauchten Gerüchtes hatte sich noch immer nicht gelegt; gab es doch kein Hans, das durch diese- Ercigniß nicht empfindlich berührt worden wäre. Viele Familien hatten gleich an dem erwähnten Sabbath die für denselben bereiteten Speisen nicht genossen. Andere hatten erst nachträglich die Konseguenzen der ungeheuerlichen Kunde in Erwägung gezogen. (Fortsetzung folgt.)

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