Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1866-1867)
- Issue
- Heft 9 (Juni 1867)
- Article
- Risse
- Date
- 1867-06-01
- Page
- 329 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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329 Sott 6■•«• verlangte er bald dieses, -alb jenes und gerieth endlich auf de» den Einfall sich einmal in einem Spiegel sehen zu wollen, was rr seit seinem Unfälle noch nicht verlangt hatte. Helene erschrack, sie versuchte alles Mögliche ihn davon ab tubringen — umsonst. Er gebot ihr ihm unverzüglich den großen Toilettcsptegel heretnzubringen, mit dem er ihr bei ihrer ersten Anwesenheit ein Geschenk gemacht. Sie konnte nicht anders, sie mußte gehorchen. Doch als er sie nun den großen Spiegel Hereinschleppen sah, dessen Schwere sie fast darnieder drückte und dennoch dieses freundliche Lächeln auf den Lippen, da konnte er sein Staunen nicht länger zurückhalten. ״Sag' mir doch Mädchen," rief er ihr entgegen, ״warum bist Du nur so'n entsetzliches Schaf, ich weiß ich quäle Dich oft bis auf'S Blut, und doch hast Du nicht den Muth die geringste oder die größte meiner Forderungen zn versagen. Fürchten kannst Du Dich doch nicht vor mir, ich bin ja gelähmt, kann Dir also nichts thun." ״Ich würde'mich nicht vor Dir fürchten Papa, auch wenn Du wie ich'S sehnltchst wünschte, vollkommen gesund wärst," erwiederte Helene lächelnd, ״aber ich trachte alle Deine Wünsche zu erfüllen, weil Du mein Vater bist und ich Dir also Gehorsam schulde." ״Weil ich Dein Vater bin," wiederholte er fast verwundert. Während sie gesprochen, hatte sie den Spiegel vor daS Bette gestellt und richtete ihn nun so, daß der Kranke bequem hineinschauen konnte. Voll Begierde blickte er hin, aber mit einem entsetzlichen Fluch fuhr er zurück, denn nicht sein Bild, daS er kannte, war rS, daS ihm ans dem Spiegel entgegenblickte, sondern das Antlitz seines Vaters als der TodeSkampf es verzerrte, wähnte er dort zu sehen. Doch war es sein eigenes, denn, so wenig ihre Charaktere sich glichen, im Aeußern war er seinem Vater stets ähnlich gewesen und die Leiden und Wuthausbrüche der jüngsten Zeit hatten ihn unglaublich gealtert.