Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1865-1866)
- Issue
- Heft 10 (Juli 1866)
- Article
- Risse
- Date
- 1866-07-01
- Page
- 331 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Bon S... 331 aufgesucht; er fühlte sich gehoben und war mit sich selbst zufrieden. Er hatte seine Pflicht als Bruder geübt und nebenbei seine Rache an Viktor; denn daß Rosa, nachdem sie jenen Brief gelesen, noch hätte zweifeln können, das hielt er für unmöglich. Und eine ganz herrliche Idee war es gewesen, die es ihn plötzlich als Pflicht hatte erscheinen lassen, die Ehre seiner Schwester zu schirmen. Es war ihm das freilich etwas spät eingefallen, aber besser spät als gar nicht und er beschloß, wo möglich, das Versäumte nachzuholen. Dazu war aber Eile dringend, denn der Vater wurde im Lause des kommenden Tages erwartet, und sobald dieser daheim, konnte er sich nicht mehr als Anwalt der Schwester geriren. Er stand daher ungewöhnltch früh auf und seine Brüder waren nicht wenig überrascht, ihn so zeitig schon am Schreibtische zu treffen. Er wollte seine ganze Autorität zeigen und schrieb daher an Viktor. Der Brief kostete ihn einige Ueberlegung aber er eilte und nach Verlaus einer Viertelstunde durchlas er ihn mit vollkommenster Befriedigung. ״Mein Herr! In Abwesenheit meines Vaters berufen, die Ehre unseres Hauses zu wahren, sehe ich mich veranlaßt, Sie aufzusordern, dasselbe von nun an mit Ihren Besuchen verschonen zu wollen. Ich habe meine Schwester von diesem meinem Schritte in Kenntniß gesetzt und sie billigt ihn von Herzen; denn ich habe mich verpflichtet gefühlt, ihr endlich den Charakter des Mannes, dem sie in Begriff stand ihre ganze Zukunft anzuvertranen, in seiner ganzen Niedrigkeit und Gemeinheit zu enthüllen und sie mit Ihren Verhältnissen in H. bekannt gemacht. Sie weiß alles, und sobald mein Vater heim kommt, werde ich es als Pflicht betrachten, auch ihn au kalt zu setzen, und wird er sich dann vermuthlich beeilen, das Verlöbniß seiner Tochter zu lösen." Er Unterzeichnete seinen Namen, faltete und flegelte den Brief und beauftragte Louis, ihn noch bevor er in die Schule ginge, in Viktor's Wohnung abzugeben. Er hatte hiedurch jedoch nichts anderes erreicht, als daß er kaum eine halbe Stunde nach Absendung seiner Epistel den vermeintlichcn Bvsewicht ins Haus treten sah. Er stutzte; das hatte er nicht erwartet, aber im Grunde kam es ihm nicht ungelegen; denn nun hoffte er noch mehr sich zeigen zu können und war entschlossen,