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Jeschurun · 1866-03-01 · Heft 6 (März 1866) · p. 196

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
12 (1865-1866)
Issue
Heft 6 (März 1866)
Article
Risse
Date
1866-03-01
Page
196 (sequence 3)
Language
German
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196 Nisse. Fenster, es klammert sich so ängstlich ans Gesimse, daß es wohl einen Flügel gebrochen haben muß!" Friedheim erhob sich rasch, wobei das Augenglas, das aus seinen Knien lag, zu Boden fiel und zerbrach; doch jetzt hatte er nicht Zeit, dies zu beachten; er eilte zum Fenster, dem verunglückten Thierchen womöglich zu helfen. ״Aber wo ist's denn? ich seh's ja nicht." ״Ach wie Sie so kurzsichtig sind," rief der Knabe mit mühsam verhaltenem Lachen. . ' ״Das ist wahr," entgegnete der Lehrer, ״doch ich werde das Fenster öffnen, dann werde tch's schon sehen." Er that es. Trtumphirend schauten die Knaben einander an, jetzt hatten sie ihren Zweck erreicht, denn draußen wüthete ein orkanartiger Sturm und kaum hatte Friedheim den Kopf zum Fenster hinausgesteckt, als der Wind sein nur noch locker auf dem Haupte sitzendes Käppchen erfaßte und es forttrug. Er merkte es nicht und suchte fort und fort nach dem Vogel, ״aber wo ist denn das Thier? ich finde es doch nicht." Die Knaben konnten vor Lachen kaum reden, zeigten bald hier bald dort und erklärten endlich, sie hätten sich in ihrer Annahme, daß es den Flügel gebrochen, wohl getäuscht; denn dort hebe es sich eben in die Lüfte. Unmuthig schloß «Friedheim das Fenster, denn das jetzt unverhohlen ausbrechende Gelächter seiner Schüler ließ ihm über ihren boshaften Muthwillen keinen Zweifel; doch er schwieg, wie er es leider bei ähnlichen Anlässen stets zu thun pflegt und die Knaben hatten gewonnen. Ja sie hatten sogar ihrer Ansicht nach weit mehr gewonnen als sie erwarten konnten; denn der rauhe Nordwind hatte das Gesicht des häufig an rheumatischen Schmerzen Leidenden unangenehm durchkältet, er trat daher zu dem^glänzend schwarzen Ofen, in dem ein Helles Feuer lustig brannte, lehnte sich an die minder heiße Seite desselben, in dem er seiner Gewohnheit gemäß die Hände übereinander auf dem Rücken hielt. ״Sie haben Moder im Herzen," murmelte er vor sich hin, als er das Kichern der Knaben nochnicht enden sah und seine Zähne schon zu schmerzen begannen. Er rieb sein Tnch an dem Ofen, um es gehörig zu erwärmen und mit demselben dann sein Gesicht. Das schien ihm behaglich, darum setzte er es eine Zeitlang fort, bis seine Wangen an Schwärze mit dem Ofen fast wetteifern konnten.

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