Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1865-1866)
- Issue
- Heft 4 (Januar 1866)
- Article
- Deutschland : Mainz [Nachricht]
- Date
- 1866-01-01
- Page
- 136 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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136 von 74 Jahren. Nicht allein deßhalb soll hier des Verstorbenen gedacht werden, weil sein Schicksal den Wechsel menschlicher Dinge in wahrhaft tragischer Gestaltung-' darbietet (ein früher reicher freigebiger Mann, gerieth er am Ende seiner Tage durch harte und wiederholte Verluste in die größte Armuth, der er sich vergebens durch einen Sprung von der Brücke in den Rhein zu entziehen suchte, — er wurde von Schiffern aus dem Wasser gezogen wider seinen Willen), sondern wir gedenken des Verstorbenen wegen seines merkwürdigen Dranges, Völker und Lander möglichst kennen zu lerneu, welcher Drang ihn während eines großen Theiles seines Lebens in die weite Welt Hinausgetrieben. Welsch hatte nicht allein alle Länder Europas in früherer Zeit, in welcher Eisenbahnen noch nicht bestanden, durchwandert und zwar theilwetse zu Fuß (er machte z. B. den langen Weg von Sebastopol nach Moskau zu Fuß), sondern er hatte Nord- und Südamerika, Afrika (in Marocco wurde er als merkwürdiger fremder Eindringling längere Zeit in sehr bedenklicher Gefangenschaft gehalten) und einen Theil von Asten bereist. Die Reise von Konstantinopel nach Jerusalem machte er ebenfalls zu Fuß. Auf seinen weiten und jahrelangen Wanderungen bediente er sich je nach Sitten und Ansichten der Völker, die er besuchte, verschiedener Verkleidungen, und wußte z. B. im Oriente und auf dem gefährlichen Wege nach Jerusalem seine reiche Börse unter dem dürftigen Kleide eines Türken oder- Armeniers schlau zu verbergen. Der Abt des Klosters zu Jerusalem, in welchem Welsch als Christ (er war Jude) gastliche Aufnahme gefunden hatte, gab ihm ein Schreiben an den damaligen Bischof Kaiser mit, welches er demselben bei seiner Rückkehr persönlich überreichte. Bei jeder Rückkehr von einer Weltreise brachte Welsch Freunden und Bekannten Geschenke, zuweilen sehr kostbare, mit, von denen noch manche in hiesigen Haufern zu sehen sind. Der Stadt Mainz hat er eine Sammlung von Münzen vieler Länder geschenkt. Fast bei jeder Rückkehr ans der Fremde mußte er aber auch die Hiobspost über ein verlorenes Kapital (durch Fallimente von Kaufleuten, welchen er Summen anvertrant hatte) erfahren. So verminderte sich sein sehr bedeutendes Vermögen allmählich, bis es durch fehlgeschlagene Börsenspekulationeu vollends verschwand und er gänzlich verarmte. Welsch ertrug den harten Umschlag seines Geschickes mit vielem philosophischem Gleichmuthe. Der größte Theil seiner früheren Freunde und beschenkten Bewunderer vergaß den armen alten Mann gänzlich, der oftmals Wochenlang keine warme Nahrung hatte und sich mit Bröd, Bier und seiner, steten Begleiterin, der Cigarre, degnügte. Glaubensgenossen ließen ihm, — ehrend sei es erwähnt — eine regelmäßige Unterstützung zuko-mmen. — Im tiefsten Elende starb der interessante Mann und — Niemand folgte seiner Leiche. (Mainz» Anz.)