Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1864-1865)
- Issue
- Heft 11 (August 1865)
- Article
- Licht- und Schattenbilder
- Date
- 1865-08-01
- Page
- 348 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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348 Licht- und Schattenbilder. Der Vater las, die Mutter war mit einer Handarbeiter beschäftigt und die Verlobten saßen etwas seitwärts in trauliche Unterhaltung vertieft. ״Wer war denn jener Herr," fragte Grünwald im Laufe des Gesprächs, ״der Dich vorhin bei meiner Ankunft verließ?" ״Jener Herr," versetzte Julie lächelnd, ״ist ein Mitglied der Bekleidungsakademie und hatte mir etwas zu übergeben, was auch Dich vielleicht interessiren wird. Willst Du, so zeige ichDir's, komm," und sie führte ihn in's Nebenzimmer. Ein glänzend weiß seidenes Kleid lag nusgebreitet׳ auf dem Kanapee, von feiner weißer Blonde Eines darüber, in einem danebcn stehenden Carton ein langer weißer Schleier vom selben Stoffe, an einer Mhrthcnkrone befestigt. ״Dein Brautanzug," ries Grün- Wald freudig. Julie nickte bejahend. Bewundernd betrachtete er nun alles näher, ״aber was ist denn darin?" fragte er aus ein kleines noch nicht geöffnetes Kästchen deutend. ״Das sage ich Dir nicht, Carl, das mußt Du errathen," und neckend legte sie beide Hände daraus. ״Gehört es auch zur Hochzeitstotlette?" ״Ei freilich, cs ist sogar einer der wichtigsten Gegenstände dazu." Vergebens strengte Carl sich an, diesen wichtigen Toiletteartikel zu errathen; was er auch immer vorbrachte, Julie schüttelte lachend die Locken und amüstrtc sich köstlich über seinen Eifer und sein vergehliches Bemühen das Richtige zu treffen. Endlich legte er sich auf's Bitten. ״Nun in der Hoffnung, daß Du auch mir zuweilen eine Bitte gewähren wirst," und mit graziöser Verneigung überreichte sic ihm den Gegenstand seiner Neugier. Rasch öffnete er das Kästchen, es enthielt eine Haartour. ״Was ist das?" rief er verwundert. ״Eine Haartour wie Du siehst." ״Julie DK-wirst doch nicht — " ״Mein Haar.-,nach der Trauung uuverhüllt tragen? Rein licber Freund, MUz gÄviß nicht." ״Du scherzest Julie, Deine schonen prachtvollen Locken, um die eine Königin Dich beneiden wurde könntest Du opfern wollen?" ״Habe, ich mich schon einmal entschlvffen, meine Freiheit zu opfern, so muffen die Locken wohl auch daran."