Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 9 (1862-1863)
- Issue
- Heft 10 (Juli 1863)
- Article
- Polen [Nachricht]
- Date
- 1863-07-01
- Page
- 472 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
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472 Polen. , Vor Kurzem ließ, nach der Sonnt.-Ztg., der Großfürst Eonstantin den Rabbiner Meise! rufen, und machte ihm energische Vorwürfe, weil stch die Sympathien der Inden für die Insurgenten mit jedem Tage deutlicher zeigten: ״Der Kaiser erwartet von den Juden eine treue Hingebung und eine offene Unterstützung für die gerechte Sache Rußlands. Ich befehle Ihnen in diesem Sinne von der Kanzel herab Ihre Glaubensgenossen anzureden, sonst werde ich mit exemplarischer Strenge etnschretten." ״Was wird meine Rede der Gemeinde nützen?" antwortete der Rabbiner. ״Nach den Vorschriften der heiligen Schrift, muß der Jude Gott über alles lieben, selbst sogar mehr als den Ezar, und dennoch übertreten Juden die Gesetze Moses, trotz aller angedrohten göttlichen Strafe." ״Ich werde Eure Gebethäuser schließen lassen", rief der Großfürst. — ״Ueberall wo Ihr mich anrufen werdet, sagt die heilige Schrift, werde ich Euch hören." ״Ich werde eine Kriegscontribution ausschrciben, die wird ihre Wirkung thun." ״Aber nicht die Juden bessern," antwortete der Rabbiner. ״Ich befehle," sagte der Großfürst, ״daß man die Jnsurgcnten in den Synagogen verfluchen soll." ״Die Juden selbst sind Sünder, und Gott wendet zum Segen die Verwünschungen der Sünder." Als alle Vorstellungen des Großfürsten nichts fruchteten, entließ er in sehr gereizter Stimmung den Rabbiner Mciscl, und um dieser Ungnade Ausdruck zu verleihen, wurden noch 1000 Solvaten mehr im Ghetto einquartirt. Türkei. Constantinopel. Der Wanderer berichtet nach einer Correspondeuz aus Constantinopel vom 12. April von Gefahren, denen die Juden alljährlich am christlichen Osterfeste ausgesctzt sind. An den Tagen wimmeln die Straßen von betrunkenen ansgelassenen Griechen, die mit der Flasche in der Hand auf offener Straße ihre Orgien feiern. Wehe dem armen Juden, der in diesen Tagen das Unglück hat in die Nähe dieser fanatischen Trunkenen zu kommen. Nimmt eine etwa vorüberziehende Patrouille oder ein Polizeisoldat ihn nicht in Schutz, so ist er allen Mißhandlungen preisgegeben. Ja er kann von Glück sagen, wenn er mit dem Leben davonkommt. Nicht wenig tragen dazu die unwissenden Popen bei, die anstatt die sa-