Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1859-1860)
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1859)
- Article
- Frankfurt [Nachricht]
- Date
- 1859-12-01
- Page
- 177 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2932754-2932877-2932881--05254-2944297- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
177 Frankfurt, 9. Oct. So nngerne wir obscure Männcr und Schriften an's Licht des TagcS ziehen, indem solche besser in das Dunkel der Vergessenheit und schweigender Verachtung gewiesen werde», so müssen wir doch heute, im Interesse der Humanität und der Aufklärung, eine Ausnahme machen. Im Verlage dcS ״christlichcn Vereins im nördlichen Deutschland" hat der Pfarrer Oescr zu Lindhcim bei Büdingen, unter dem Namen: ״O. Glanbrccht", eine Volköschrift hcransgcgcbc», welche den Titel führt: ״Das Volk und seine Treiber". Diese Schrift, ein erbärmliches Machwerk an Stil und bornirtcstcr Gesinnung, wird in vielen tausenden von Exemplaren verbreitet, indem in derselben (von christlichen G.istlichcn von einem christlichen Vereine!) der giftigste Haß gegen Juden gepredigt, der Pöbel in seinen Exccssen gegen dieselben gerechtfertigt, die christliche Obrigkeit als parteilich geradezu angcklagt, und der Zeitgeist, der auch dem Juden eine brüderliche Gesinnung eutgegcnbraigt, mit Spott und Hohn übcrgosscn wird. Wir haben nichts mit Herrn Oescr zu schaffen, obwohl derselbe, sonderbar! in seinem Büchlein räth, man solle dem Inden ans dem Wege gehen, während er notorisch all seinen Lcbenöbedarf von und durch Juden bezieht. Allein öffentlich Klage müssen wir darüber führen, daß der Führer jenes Vereins, Herr Superintendent Wcstmcicr, zu Birn bei Magcburg, Schriften der Art als für den Vereinszweck: ״christliches Leben im Volke zu erwecken und zu unterhalten", förderlich erachtet, Schriften, in denen so dicker Aberglaube vorkommt, wie in der vorliegende», wo cs (S. 18 ) heißt: ״ein Bauer habe einen Inden, den er gehaßt, durch dreitägiges Beten — todtgcbctet"! Solche religiöse (!) Ansichten sollen im deutschen Volke christliches Leben wecken, unterhalten? Und was werden die Leser erst zu folgender Stelle (S. 98) sagen, wo der Herr Vcrf. meint: ״hatte man einmal den Begriff von einem christlichen Staate und einem Könige von GottcS Gnaden verloren, waS Wunder, wenn man daran dachte, dem Fremdling — seine angestammten Menschenrechte zu gewähren?" Wenn wir nicht irren, so erkennen wir hierin, wie namentlich in den vielfachen Angriffen des Büch-!eins auf den Geist, der die jetzigen Negierungen beseelt, das Gebahren einer, zur Freude aller wahren und ächten Deutschen, in Preußen erlegenen Partei, die, wie das schon oft dagcwcscn, ihren verbissenen Unwillen über daS, ihre NückschrittSanstrengungcn bcwältigende und über sie hinweg vorwärts dringende Bestreben unscrcr Zeit im aufreizenden Judenhaß Luft zu machen sucht. Dergleichen betrübende Erscheinungen der Zeit müssen aber verzeichnet werden, um das Volk zu warnen und ihm zu zeigen, wohin ״seine Treiber", die pfäffi sehen Finsterlinge und Dunkelmänner, cs wieder zurückdrängcn wolle». (F. Ich