Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1856-1857)
- Issue
- Heft 2 (November 1856)
- Article
- England : London [Nachricht]
- Date
- 1856-11-01
- Page
- 103 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
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103 E n g l k n d. London. — Ein in I. C. enthaltener Rückblick auf das Jahr 5616 betrachtet die jüdischen Zustände Englands in politischer, socialer, religiöser, moralischer, intellectueller re. Hinsicht. Dieser interessanten Skizze entnehmen wir die Schilderung des religiösen Zustandes: Wenn wir, heißt es in diesem Rückblicke, hier von Religion sprechen, so meinen wir nicht jenes unbestimmte, den meisten Menschen innewohnende Bewußtsein von der nahen Beziehung zwischen Gott und dem Menschen, und das allgemeine Gefühl der Abhängigkeit des Letzteren vom Ersteren, sondern jenes eigenthümliche Bewußtsein, jenes besondere Gefühl, wie es im Judenthume lebt und wie es vor den Augen der Welt unter den Formen hervortritt, die das Judenthum seinen Bekennern zur Pflicht gemacht, in andern Worten, wir meinen eine specifische Religion und zwar die von Moses und, den Propheten gelehrt, und sich durch Tausende von Jahren historisch entwickelt hat. Hat sich dieses religiöse Bewußtsein, dieses religiöse Gefühl während des letzten Jahres in so schlagender Weise geäußert, um ein neues Wiedererwachen, eine durchaus neue Wiederbelebung in den Massen hervorzurufen? Es ist leider kein Anzeichen da, das das Vorhandensein eines solchen Gefühles andeutete. Die Apathie früherer Jahre liegt noch schwer mit bleiernem Gewichte auf uns, der Krebs des Jndifferentismus nagt noch beständig an unseren besten Lebenskräften. Die Kanzeln der meisten Synagogen sind noch stumm, und kennen wir keine einzige Gemeinde, die einen Prediger in diesem Jahre ausgenommen. Kaum bewahren und erhalten wir uns den alten Boden. Aber ach in der Religion wie im Gebiete alles Geistigen ist es eine Wahrheit, daß ״wer nicht hinzufügt vermindert". Keine Anregung zum Fortschritte in dieser Beziehung scheint die geeignete Würdigung zu finden. Wenngleich eS aus der Hand liegt, daß einer aus der Fremde berufenen Geistlichkeit nothwendiger Weise diejenigen Fähigkeiten und Eigenschaften abgehen müssen die allein den religiösen Ton, und das religiöse Gefühl in der Gemeinde heben können, so hat doch die Errichtung eines Jewish College, das dies Uebel zu heben bestimmt ist, mit einem Jndifferentismus zu kämpfen, der in seinen Folgen einen ungerechten und offenen Widerspruch zu Tage treten läßt. Wiewohl es offenbar ist, daß kein in solchen Schulen gemachter Fortschritt, die den Einwirkungen christlichen Einflußes ausgesetzt sind, dem jüdischen Schüler den Mangel an jüdischer Keuutniß und jüdischer Gesinnung ersetzen und׳ aufwiegen kann, den er nothwendiger Weise und unmerklich erleidet, so zählt die Jewlsh College school, die dieselben Disciplinen wie die besten Unterrichts-Anstalten lehrt, nur ungefähr 36 Schüler. Würde ein jübischer Geist in der Gemeinde herrschen, diese vielversprechende Anstalt müßte deren Hunderte zählen. Die Gemeinden in Glasgow und Liver- Pool fordern ihre Brüder §ur Beihülfe zum Baue von Synagogen auf. Wie wurden diesen Anforderungen entsprochen? Unsere Spalten die