Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1856-1857)
- Issue
- Heft 2 (November 1856)
- Article
- Deutschland : Berlin [Nachricht]
- Date
- 1856-11-01
- Page
- 101 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2932754-2932835-2932838--02084-2940482- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Dritter Jahrgang. Erstes Beiblatt zum Novemberhest. AuSgegeben den 3. November 1856. In dieses Beiblatt werden Inserate zu 3 kr. pr. Zeile oder deren Raum ausgenommen. Deutschland. □ Berlin, den 29. Oktober. Ihre Leser irren, wenn sie glauben von Berlin nichts als Reformversuche, Confirmations-Berichte u. dgl. mehr zu hören, da gibt es auch noch ganz andere freilich größtentheils Ln das Fach einschlagende Artikel. Daß unsere Kanzel, auf welcher sonst recht erhabene, auch wohl erhebende, wahrlich künstliche und sprachgewandte Reden gehalten werden, auf einmal — es war dieser kurz vor ר״ה — zum Tummelplatz der hier seit einem Jahre schwebenden Reformstreitigkeiten, welche vor einiger Zeit auch eine gegen die Piutim gerichtete Schrift eines Dr. Cassel hervorgerufen haben, zum' nicht geringen Erstaunen der Zuhörer gewählt wurde, wollen wir als der Veröffentlichung unwürdig, Lieber verschweigen. — Erfahren Sie statt dessen, daß am vergangenen שמחת חורה ein hiesiges Gemeindemitglied zur Feier seines 70 jährigen Geburtstages der seit einigen Jahren hier bestehenden Schaß-Chewra, deren Mitglieder sich jeden Abend versammeln, auch von nahmhaften Gelehrten Vorträge halten und Knaben in Thora und Mischnah unentgeldlich un- Lerrichten lassen, das ansehnliche Geschenk von 2000 Thlr. gemacht hat. Möge diese Geburtstagsfeier in weiteren Kreisen Nachahmung finden! Vor wenigen Tagen verschied hier ein jüdischer, frommer, ehrwürdiger Greis, ein alter Veteran, der die Befreiungskriege mitgemacht, nach beendigtem Feldzuge aber in stiller Zurückgezogenheit gelebt hatte und erst bet seinem Tode die Aufmerksamkeit Aller, die ihn kannten, auf sich zog. Derselbe vermachte nämlich, da er keine Kinder hat, sein ziemlich bedeutendes Vermögen — Haus, Mobilien und eine gewisse Summe erhielt seine alte, ihm gegen 40 Jahre treu dienende Haushälterin — wohlthätigen, jüdischen Anstalten; namentlich wurde das immer mehr gedeihende Auerbachische Waisenhaus reichlich bedacht. Bemerkenswerth und erfreulich ist es, daß der Erblasser jedem der drei jüdischen Gelehrten, Rabbinats-Verweser Oettinger, Rabbinats-Affessor Rosenstein hier, sowie Hr. Plessner in Posen, ein freilich kleines Legat, wie wir hören 200 Thlr. ausgesetzt hat. Seine alten Kriegskameraden, deren Stiftung ebenfalls nicht leer ausging, folgten traurig seiner Bahre. Er war der letzte jüdischen Glaubens.