Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1854-12-01 · Heft 3 (Dezember 1854) · p. 136

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1 (1854-1855)
Issue
Heft 3 (Dezember 1854)
Article
Aus der Mappe eines wandernden Juden
Date
1854-12-01
Page
136 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2932754-2932807-2932811-2938138--00221-2938184
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

136 Au« der Mappe eine« waicheruden Juden. soll, auf dem allein sie gedeihen, auf dem allein sie etwas bedeuten! Welches Volk war so bereit, so ohne Besinnen, ohne Zaudern, und so lange, so anhaltend, so unermudet bereit, all' dies hinzuopfern, Jahrhunderte lang jede Gegenwart preiszugeben, um nur den sittlicken Boden für den einstigen Enkel zu retten! ״Die geliebt und hold in ihrem Leben und ׳auch im Tode sich nickt trennten, sick aufschwangen wie die Adler, in den Tod gingen wie die Löwen, ihres Herrn Willen und ihres Hortes Verlangen zu vollbringen/' Und nun vorüberzufahren gerade an dem Boden, auf welchem zweihundert banger Jahre lang, jeder Frühling bluthroth heraufzog für die Väter und Mütter, und die Gesangeszeit des LenzeS und die Begeisterung des Heiligsten zu dem Wahn berauschen konnten, Vater und Mütter, Greise und Säuglinge um ihres Glaubenswillen im Namen des Glaubens der Liebe zu schlachten! O, sie sind nicht umsonst gestorben, die Väter und Mütter! Ihr Gedächtnis; wird einst ihren Enkeln und Enkelinnen wieder iu's Bewußtsein treten, sie werden einst wieder sick sagen, es muß dock ein unendlicher Schatz sein, für den die Väter und Mütter'also sick opferten, und werden an ihren Gräbern schwören, dafür freudig zu leben, wofür die Eltern so freudig gestorben. Und cuich für ihre eigenen Verfolger sind sie nickt umsonst gestorben. Werden deren Enkel doch endlich nach dem sittlichen Kern, nach dem ewigen Sckay sich umschauen, der einem Heiligthum innewohnen muß, für welches so viele Geschlechter so Alles geopfert! Siehe, in Ruinen lebt schon nur noch das Gedächtnis; der verfolgenden Gewalt. Friedlich leben die Enkel der Verfolger und der Verfolgten auf dem Boden, der die Asche der Vergangenheit Beider deckt. Und immer wahrer wird die gegenseitige Anerkennung, und immer achtungsvoller die Liebe. Den eigenen Enkel schmerzt der Wahn, der in der Brust seiner Ahnen die Achtung eines Heiligthums verdrängen konnte, das seine Bekenner solcher Opfer werth befunden, und er erkennt es immer mehr als eine Schuld, au dem Enkel zu sühnen, was die Väter versahen. Und welche Charaktergrößen hat diese Zeit der Bedrängniß und der Not.h in jüdischen Kreisen erzeugt, — fuhr, als ich schwieg, ein Reisegefährte fort, der mit mir über das Schiffs bovd in die vorüberkräuselnde Fluch schaute, und gegen den ich diese

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.