Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 51 (22.12.1887)
- Article
- England : London [Nachricht]
- Date
- 1887-12-22
- Page
- 814 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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814 lassen? Man glaube doch nicht, daß eine schwache Vertretung dcS OstendS daran etwas ändern kann. Die Vorgänge in den hiesigen Synagogen, namentlich was sich in Dnles-Place nnd Dalston abspielt, mögen als warnendes Beispiel gelten. Die nicht unbedeutende Zahl der orthodoxen Mitglieder dort vermögen den Strom der Reform nicht aufzuhalten, der selbst dem greisen Chief -Rabbi zu mächtig ist, als daß er ihn hemmen könnte. — — In uns selbst liegt die Kraft, soll sie wenigstens liegen; — vereinigen wir nns Alle, und tragen wir alle unsere Kräfte zusammen, das Heiligthum in unserer Mitte wieder aufzurichten, das jetzt hier fast verwüstet liegt.-Mit dem Bau neuer Synagogen wird hier nicht geholfen. Wir brauchen vor Allem gute Schulen und מקואות. Wenn alle Inden, die noch auf dem Boden des unverfälschten Indenthnms, sich vereinigen, so sind wir stark und vermögen Alles. Wir werden dann auch unseren irrenden Brüdern als wahre Freunde nützen. Wir treten nicht als ihre Gegner auf —, wir wollen nns nur dagegen wahren, von ihnen mit in ihren Irrthum gezogen zu werden.- Rußland. zz Warschau, 14. Dezember. Der ״Kurier Warszawski" meldet: In Gemäßheit dcS Mär; UkascS und der nachfolgenden Ergänzungen, welche die Rechte der Ausländer eiuschrüuken, werden alle Eingaben um Erlangung der russischen Unterthanenschaft seitens jüdischer Ausländer nicht angenommen; man verlangt vielmehr von allen Ausländern, die sich naturalisiren lassen wollen, um Weiterungen zu vermeiden, die Vorlegung von Taufzeugnissen, welche ihr christliches Bckenntniß beurkunden. Die ausländischen Israeliten wenden sich, nachdem ihre Eingabe von den Orlsbchörden abgclchut worden, an das Ministerium des Innern nnd sogar an den Kaiser selbst. Bisher ist keine dieser Eingaben berücksichtigt worden. In der verflossenen Woche sind 26 solcher Petitionen ausländischer Inden den in Warschau wohnenden Petenten zurückgestellt worden. zz Warschau, im Dezember. ES giebt unter allen Nationalitäten, aus welchen sich das große russische Volk znsammenseht, keine einzige, welche treuere nnd ergebenere Untcrthanen dem Zaren stellt als die israelitische. Der russische Jude ist der loyalste Diener seines kaiserlichen Herrn. Er wird in seiner Verehrung für denselben selbst nicht von dem Donischcn und Uratischen Kosaken über troffen. ES giebt keinen Volksstamm, welcher dem russischen Vaterlande nützlichere Bürger erzieht, als der jüdische. Der Jude wird von -jemandem nbertrofscn an Fleiß und Einsigkeit, an Intelligenz und Unternehmungsgeist. Der Jude belebt den Handel und die Industrie und stellt zu dem Gelehrtenftande ein ansehnliches Kontingcnt. Ist cs nicht zu verwundern, daß gerade diesem treuen, ergebenen, nützlichen und rührigen. Stamme Fesseln angelegt werden, welche die für das gelammte Reich wvhlthätige Entfaltung seiner Thätigfeit hemmen?? Während für eine große Anzahl kr russischen Pölkerfchastcn die Anbeqnenumg an die europäische Kultur, welche der große Zar Peter I. seinem Reiche verleihen wollte, noch heute kaum gelangen ist, hat der jüdische Russe sich rasch mit ihr befreundet zum Heile des NationalwohlS. Und doch konnte cs in diesen Tagen geschehen, daß man gerade den Inden den Weg zur Aneignung von Bildung nnd Wissen versperrt. Nur 5 Prozent jüdischer Schüler dürfen fortan die höheren Schulen füllen! Man versagt den Inden den Erwerb von ländlichem Grundbesitz, man verjagt sie aus den Dörfern, man jchließt sie von der Bekleidung öffentlicher Remter anS, wo man gerade des Einflusses ihrer Geschicklichkeit und Einsicht am wenigsten cntrathcn kann. — Es ist.eine nicht zu leugnende Thatjache, daß die großen Güter des Adels nur dann eine Rente abwerfen, wenn jüdische Pachter oder Verwalter sie bcwirthschaften; dennoch vertreibt man sie aus diesen Stellen. Der Nihilismus bedroht die Existenz des Staatengefüges. Seine unheimliche Macht wurzelt in der Armuth nnd Unwissenheit des russischen Bauern und Kleinbürgers, in dem Bankerott des Edclmannrs nnd dessen gcistigem und sittlichem Defekt. Man gebe dem Juden die volle Freiheit; man entfessele seine Hand; man hebe die Schranken ans, welche -ihm den größten Thcil des Reichs verschließen; man lasse ihn an der öffentlichen Verwaltung Ihcilnchmcn; — so ist dem Reiche ge- Holsen: Der jüdische Geist und der jüdische Fleiß bringen Wohlstand in die armen Klassen der Bevölkerang; die jüdische Rechtschaffenheit und Gewisscnhaftiakeit sind die festesten Bollwerke gegen die Korruption in den verschiedensten VerwaltuugSzweigen. Es ist keine Ucbcrhebnng, sondern buchstäbliche Wahrheit, daß die volle und gesicherte Emanzipation der Inden das Heilmittel für viele Schäden ist, an welchen der ungeheure russische Staatökörpcr leidet. Statt dessen ist die traurige Thatsachc sestgestellt, daß während der Jahre 1681—1886 nicht weniger als 114000 dieser nützlichen und treuen Russen durch Noth, Elend, Verfolgung itnb Unterdrückung gezwungen waren, ihre Heimath zu verlassen! Das ehemals blühende Spanien hat sich noch nach fast vier Jahrhunderten nicht erholen können von dem sich selbst zugcsügten Schlage: der Vcrjagung seiner jüdischen Bcvölkcrimg. Möge Gott den Sinn der Machthaber lenken, daß sie weiser als die Spanier zu Zeiten des KönigSpaareS Ferdi-