Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 51 (22.12.1887)
- Article
- Bilder aus der Gegenwart
- Date
- 1887-12-22
- Page
- 808 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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808 Erna lachte laut auf. .,Sie wollen über mich spotten, Herr Graf, vermuthlich um mich zu strafen für meine Neugierde." ״O, mein Fräulein! — das denken ^ic מסט mir? — das würde ich mir nimmer erlauben." ״Ich würde es mir auch nicht cinfallen lassen," entgcgncte sic noch immer lachend, ״nur weil ich in der That eiusehe, daß cs eine Kühnheit von ntir war, hier Hernmzustreifen. Aber es ist hier so wunderschön, und — ״Das freut mich," fiel der Gras ein, ״freut mich mehr als ich Ihnen sagen kann, daß es Ihnen hier gefällt. Dann wünschte ich in der That, daß Sie recht lange hier bleiben würden." ״Den Wunsch hege ich gerade nicht," versetzte Erna mit einem gewissen herausfordernden Muthwillcn. ״Und warum nicht? — wenn cs Ihnen hier so gut gefällt?" ״Ja, daS Schloß, der Wald, die schöne balsamische Lust — wenn mein Vater und mein Verlobter hier wären, dann würde ich cs mir gleich gefallen lassen, den Sommer hier zuzubringen." Bei der Erwähnung ihres Verlobten hatte der Gras sich hastig weggewendet; er biß sich aus die Lippe, daß sie blutete. — Also verlobt war sic — das war ihm allerdings gleichgültig — aber sie schien ihren Verlobten zu lieben — das war ihm sehr fatal. — Doch gleichviel, das schwerer zu Erreichende erschien ihm nur um so begehrenswerther. ״Sic gestatten mir demnach, Herr Graf, mich hier ein wenig nmzusehcu? den schönen Blumengarten in Augenschein zu nehmen und den herrlichen Park?" ״Wenn Sie erlauben. Fräulein, werde ich Sie begleiten. Der Park ist groß, enthält Irrwege mancherlei Art. Wer zum ersten Mal darin Usl, findet sich nicht so leicht zurecht. Also wenn eö Ihnen gefällig ist, dort am Ende der Gallcrie führt eine Leitcntreppc hinunter in den Schloßhos, und von dort gelangt man sofort in den Park." Erna schritt an seiner Seite der erwähnten Stiege zu. Plötzlich blieb sie stehen. ״Sie sind sehr gütig, Herr Gras, aber ich darf Ihre Begleitung nicht annehmen, Ihr Fußleiden könnte sich dadurch verschlimmern. ״Daran hatte ich in der That nicht gedacht," erwiderte er lächelnd, ״in Ihrer liebenswürdigen Gesellschast hatte ich meines Leidens vollständig vergessen. Aber daß Sie als junge Dame allein den Park besichtigen, könnte ich doch nicht wohl gnthcißen. Abgesehen von den bereits erwähnten Irrwegen, treibt sich auch in dieser Gegend zuweilen allerhand Gesindel herum." ״Dann verzichte ich auf Besichtigung der Parkanlagcn," sagte Erna rasch, ״ich bin zwar von Natur nicht furchtsam, doch seit meinem gestrigen Erlebnisse—" ״Begreife, begreife," siel der Gras ein, ״das gebraume Kind fürchtet daö Feuer. Es thut mir ausrichtig Leid, Ihnen nicht den Park und dm daran grenzenden herrlichen Forst zeigen zu können, aber da Sic mich an mein Fnßl'cidcn erinnert haben, sängt es wieder an, sich DcmciTüar zu machen. Wenn cs Ihnen gefällig ist, biegen wir dort rechts um die Ecke, die Gallcrie zieht sich zur Front hin, dort finden wir Bänke und Sessel." Erna war selbstverständlich bereit, und langsam, die angebliche Verletzung des Grasen erforderte diese Rücksicht, .begaben sie sich dorthin und ließen sich vor einem Tische nieder, ans beiu eine Kollektion der schön׳ ften Früchte und Erfrischungen der verschiedenen Art ihrer zu warten schienen. Gras S .... y war bekannt als vortrefflicher Gesellschafter, bald hatte er das junge Mädchen in eine anregende Unterhaltung gezogen und staunte über ihren klaren lebhaften Geist und über ihre vielseitige Bildung. Er hatte sie ehedem nur ihrer Schönheit wegen begchrenSwerth gefunden. Mehrere Stunden schwanden dahin wie im Fluge und als zur bestimmten Zeit der Kammerdiener er-׳ schien, ihm mitzutherlcn, daß servirt sei, ries er überrascht: ״Jetzt schon?" dann aber, aus die Uhr blickend, sagte er: ״schon gut, wir kommen." Er war ausgestauden. ״Darf ich bitten, Fräulein?" Erna erhob sich und ging mit ihm in das Innere des Schlosses, ohne zu ahnen, um was cs sich eigen!- lich handelte, denn die in respektvoll gedämpstem Tone gemachte Meldung des Dieners hatte sie nicht verstanden. Der Gras führte sie durch eine prächtig Säulenhalle in den Speisesaal, wo der Tisch gedeckt war, und bat sie, an dem oberen Ende desselben sich niedcrznlassen, während er an ihrer linken Seite Platz nahm. ..Bitte, mein Fräulein, greisen Sie zu." Erna lehnte dankend ab, da sie die nicht nach jüdischer Vorschrift bereiteten Speisen nicht genießen könne. ״Aber ich bitte Sie unis Hinnnclwillen, Fräulein, das kann doch nicht Ihr Ernst sein!" rief der Graf erregt. ״ יUnd warum sollte das nicht mein Ernst sein? — ich bin Jüdin." ״Aber Sie sind eine geistvolle, hochgebildete Dame, und ich weiß mit Bestimmtheit, daß die gebildeten Israelitin sich um die Spcisegcsetzc nicht mehr kümmern." ״Sie sind im Irrthnm, Herr Gras." ,.Rein, Fräulein, das bin ich nicht, denn ich selbst habe schon wiederholt mit gebildeten Israeliten zusammen gespeist." (Fortsetzung folgt.) '