Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 51 (22.12.1887)
- Article
- Was können wir für unsere unglücklichen Brüder thun?
- Date
- 1887-12-22
- Page
- 804 (sequence 2)
- Language
- German
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804 In Betreff der Kolonisirungsbestrcbungen überhaupt wird als sehr wesentlich für das Gedeihen oder Mißlingen einer Ansiedelung darauf aufmerksam gemacht, daß nian die einzelnen Gruppen aus sich einander in ihrer gewerblichen Handfertigkeit ergänzenden, sonst aber in ihren Lebcnsgewohuheiren Md Lebmsanschammgen möglichst übereinstimmenden Personen bilde. Man solle deshalb darauf Bedacht nehmen, jede Kolonie mit auö ein r.nb derselben Heimath stammenden Leuten zu besetzen. Nicht mlnfccr wichtig sei cS, sein Augenmerk darauf zu lenken, daß für die auznlegendcn Kolonien ein solcher Landstrich ausgewählt werde, dessen klimatische Bcrhältuisse denjenigen der Heimath der Kolonisten möglichst entspreche. Jedenfalls aber sei es zu vermeiden, diese klimatischen Einflüsse auszusetzcn, welche dcn gewohnten durchaus widerstreben. Bor Allem ist aber ein wirklich gutes Territorium für die Kolonien ausznwählcn. ES giebt nichts Verkehrtcres, als billiges, nnknltivirtcs, steriles Land zu erwerben und Ansiedler vor die Ausgabe zu stellen, dasselbe in ergiebiges Acker- und Weideland zu umwandein. Man habe sür die Ansiedler auch Heimstätten zu bereiten, bevor sie in die Kolonien komntcn, daß sic nicht eine Einöde cmtreffen, in welcher sie erst die Hütten sich errichten müssen, um Weib und Kinder unter Dach zu bring-cn. Vielmehr seien die nothwcndigsten Wohn-׳ stritten für die Ansiedler zn erbauen und Acker- und Wirthschastsgeräth nebst dem - nothwendigen geringen Dichstand und der Aussaat zur Stelle zu schassen, bevor die Immigranten anlangen. Für jede Kolonie habe man auch einen mit dcn einheimischen Verhältnissen vollständig vertrauten Fachmanu zu bestellen, welcher dcn aus weiter Ferne kommenden Ansiedlern mit Rath und That zur Seite stehen könnte. Auch solle inan daraus achten, daß die Kolonie nicht aus lauter Unbemittelten zusammengesetzt sei. Im Allgemeinen müssen die crjorderlichen Mittel bereit gehalten werden können, um den Kolonisten zinssrcie Vorschüsse sür die Beschaffung von Saatkorn u. dgl. gegen ratenweise Rückzahlung zu gewähren. — Der Boden selbst werde ihnen erst dann zum Eigenthum übertragen, wenn ein Theil des Selbstkostenpreises ebenfalls in mäßigen Raten abgetragen sei. Der Rest sei als eine durch Annuitäten zu tilgende Schuld zur Hypothek einzutragen. Man warte ja nicht mit der Verwirklichung dieses Ansicdclnngsprojcklcs bis das Elend unter unfern unglücklichen Brüdern solche Dimensionen angenommen habe, daß dieselben ansnahmloS von Allem entblößt dastchen. Man greise rcchzcitig energisch und umsichtig ein und benutze die nächstkommcude günstige Jahreszeit, wenigstens einen Anfang mit einer sorgfältig vorbereiteten Kolonisirung, wenn auch im kleinen Umfange, zu machen. Wir würden uns sehr srcnen, wenn diese gewiß beherzigenswcrthen Winke das Kolomsatioiiswcrk förderten. Wir stellen die Spalten unserer Wochenschrift gern einer ferneren Erörterung dieser hochwichtigen Angelegenheit zur Verfügung. Die tictfiijtckncit Arten des Ailliseinilisinus. Wir haben in den beiden vorigen Nummern ׳ die Rede des Herrn Hofprediger Stöcker über das in der Ueberschrist bezcichnete Thema mitgetheiit. Im inncrn Zusammenhänge mit derselben steht die Rede eines andern Hauptauführers des amisemitischen Reigens, des Herrn Lieb ermann von Sonnend erg. Wir erachten solche für ebenso bedeutungsvoll, um sie ebensallS unfern Lesern mitzuthcileu. ׳Wir geben sie im Folgendennach dem Referate der ״Krenzzcltung" welche also unterm 14. d. M. darüber schreibt: Gestern Abend wurde im großen Saale der Bcrlincr Vockbraucrei eine antisemitische Versammlung abgehaltcn, zu welcher ״alle königstreuen Deutschen frcundlichst cingeladen" und von weicher ״Juden im eigenen Interesse ausgeschlossen" wäre;!. Herr Liebern׳.ann von Sonneubera. der wegen Behinderung des Di׳. Förster den Vorsitz führte, sprach über die ״verschiedencn Arten des AiuisemitlSmuS", ein Thema, das vorher Hosprcdiger Stöcker in einer christlichsozialen Versammlung in der Tonhalle am 2. Dezemder eingehend behandelt hatte. Herr Liebcrmann von Sonncnberg eröffnet« die Versammlung in üblicher Weise mit einer kurzen patriotischen Ansprache, in welcher er auch der schweren Heimsuchung unseres erlauchten Herrscherhauses durch die Erkrankung Sr. K. K. Hoheit des Kronprinzen ge» dachte. Die Ansprache gipfelte in einem Hoch auf Se. Majesiät den Kaiser und König und das gesummte erhabene Hohenzollernhans, worauf die Versammlung stehend den l. und 3. Vers des ״Heil Dir im Siegerkranz" sang. — Sei neu Vortrag lehnte der Redner an den des Hosprcdigers Stöcker an, indem er ausgürg von dessen Worten: ״Ich sollte meinen, daß in den Vorgängen der letzten Tuge für Alle, die in dem Kampf Üll 3ubcutl)um stehen, ein erneuter Antrieb zur Einigkeit liegen sollte." Er (Liebcrmann) wolle nun zu beweisen suchen, das die Berührungspunkte zwischen den Entwickelungen dcS Hofpredigcrs Stöcker und -den seinigen weitaus überwicgen, und daß bei einigermaßen