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Jeschurun · 1887-12-15 · Heft 50 (15.12.1887) · p. 795

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 50 (15.12.1887)
Article
Die verschiedenen Arten des Antisemitismus
Date
1887-12-15
Page
795 (sequence 2)
Language
German
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795 christlich. Das Christcnthmn hat die Unterschiede der; Völker und Nassen überwunden. Der Nasscnstandpnnkt vieler Inden ist nicht einmal alttcstamentlich, sondern latmndisch und rabbinisch. Wir Christen dürfen einen solchen verknöcherten Standpunkt nicht theilcn. Es ist . auch ein Mangel an Bildung, an politischer Bildung, in öffentlichen Dingen nach veralteten Vorurtheilcn zu nrtheilen. Mit diesem bedenklichen Rassenstandpunkte entfremdet man sich weite Kreise. Es wird den Antiseinitcn damit nie gelingen, das Ehristcnvolk zu überzeugen: ein Jude müsse vertrieben werden, weil er Jude ist. Mit dieser überspannten Ausfassung werden sic nie die gebildeten Elemente gewinnen. Die sozialethische, die christlich soziale Auffassung, die nicht die Religion, nicht die Rasse, sondern das Produkt der Entwickelung des IudcnthumS bekämpft, hat die meiste Aussicht auf Erfolg, weil sie, frei von Gehässigkeit, die jüdische Ausbeutung im wirthschaftlichen, die dcmokratische Anmaßung der Inden im politischen, die Berschärfung der Gegensätze im sozialen und die Feindschuft der Juden gegen das positive Christenthum im religiösen Vel’cn bekämpft. Wir treten gegen die sozialethische Auffassung der fittlid) von uns ganz vcrschiedenen Juden ans. Wenn Leute sagen, wir behandeln die Frage vom rein religiösen Standpunkte, so reden sie die Unwahrheit, mtb wenn ne das immer wiederholen, so lügen sie. DaS thun manche Leute nur dcShalb, weil sic sich zu Gencralpächtcrn der Bekämpfung des IudcnthumS machen und andere bewährte Leute hinauSdrängcn wollen. Ich kann nicht verschweigen, daß Herr Dr. Böckel in dieser Beziehung eine traurige und vcrhängnißvolke Nolle spielt. Ich denke nicht daran, Herrn Böckel an- .zugreisen, aber ich halte es für meine Pflicht, gewisse Acußcrnngen dieses Mannes hier einer Berliner Volks- Versammlung vorzutragen, um sie zu fragen, ob cs erlaubt ist, daß Jemand, der erst 28 Jahre alt, über Alles hinsährt, was nicht genau so denkt wie er. Ich will ihm die 28 Jahre zu gute halten; aber Manches ist doch zu stark. Er droht mir, im ״NeichSherold", mich ans meinem Wahlkreise verschwinden zu lassen, weil ich im Moabiter Bürgcrvereiu mich über Wahlrecht und Wahlaltcr anders ausgesprochen, als er cs wünscht. Ich brauche nicht zu sagen, wie thöncht und kindisch daö ist, daß Böckel nrich. der ich doch in der Anlisemitensrage immerhin schon etwas geleistet habe, in der Weise bedroht. Das ihun Männer nicht. Das erinnert an ..Quarta oder, ich will auch zugeben, an die Untertertia'’׳. (Stürmische Heiterkeit.) Er sagt: die Kartellbrüdcr hätten das Deutsche Reich am 18. Mai verrathen! (Heiterkeit,) Nun wird Jeder fragen: wie.so? (Heiterkeit.) Böckel sagt im Reichstage bei der Schachtungsdcbattc (große Heiterkeit), bei welcher rein rcligiösen Sache Dr. Böckel die Judcnfrage auch eine Nasscusragc genannt hat, das ist Ihöricht, das übersteigt mein Berständniß. Daß ein so junger Mann im Reichstage, wo man Logik verlangt, keine Lorbeeren erntet, ist natürlich. Er schlägt in seinem ״Reichs- Herold" gegen die Konservativen einen geradezu sozialdemokratischen, aufreizenden Ton an und nennt mich ״einen Fanatiker (stürmische Heiterkeit), der sich mit Unrecht bei gewissen Leuten als Antisemit e.nfspiclt (Heiterkeit), dessen Ideal die geistige Bevormundung des Volkes ist." (Gelächter.) Er schreibt: ״Wundern darf sich der Hosprcdiger Stöcker freilich nicht, wenn ihn daS Volk in Siegen-Biedcnkopf nicht mehr wählt; er wird sich bei Zeiten nach einem anderen Wahlkreise umschcn müssen, wenn er nicht in die Versenkung vcrschwinden will (große Heiterkeit), was im Interesse der antisemitischen Sache nur zu wünschen wäre. (Pfui!) Es kann der antisemitischen Sache nur schaden, wenn Reaktionäre und Fanatiker vom Schlage Stöckers sie zu ihren Zwecken ausnutzen (Psuil), solche Leute, die nie im Volke verkehrt haben, und ihm nur alle drei Jahre bei der Wahl die Hand drücken. (Große Heiterfeit.) Das Volk fängt an-, seine Pappenheimer kennen zu lernen. (Heiterkeit.) Unser Volk ist zu gut, um als Sockel für ehrsüchtige Streber zu dienen."-(Große Heiterkeit.) — Sie sehen, meine Herren, mau^braucht gar nichts dazu zu bemerken. Solche Artikel werden schon durch das bloße Borlcscn verurtheilt. Böckel sagt noch.״ ׳Bei den nationalen Parteien sei Alles zu ermatten, nur nicht Muth 11. s. w.'׳ Ge wisse Leute glauben, Politik zu treiben, - wenn sie unverständige Dinge reden. Reden, auch im Parlamente, ist aber keine Politik, sondern das Gegentheil, wenn.es anssichtslos ist. Böckel beleidigt auch die ״Junker", die doch so viel für Preußens Größe gcthan u. s. w. Ich schließe über ihn, indem ich sage: diese Sorte von Antisemitismus kann ich nicht anerkennen; ich sage mich vollkommen und völlig los davon. (Stürmischer Beifall.) Ein solcher Antisemitismus schadet dem .Christenthum und nützt dem Jndcnthnm. Solche Mitkämpser kann man nicht brauchen; sie bewirken, daß die Bekämpfung des JudenthumS allen Kredit verliert. 'Stürmischer Beifall.) Geh. Regicrnngsrath Professor Dr. Wagner wird im Hintergründe dcS SaaleS entdeckt und besteigt unter lebhaftem Beifall die Tribüne. Der Vorsitzende des Deutschen Antiscmitcn-Bundes, Herr Enno, spricht seine Anerkennung für Stöcker ans, und bittet um mildere Benrtheilung Böckels, worauf noch Hoforedigcr Stöcker antwortet, und Professor Wagner eine längere Rede über die innere und auswärtige politische Lage vom historischen Standpunkt hält. Schluß gegen l l Uhr'

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