Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1887)
- Article
- Der Tribut der Martinsgänse
- Date
- 1887-11-17
- Page
- 732 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2932754-2932755-2932800-2937347--26526-2937390- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
732 bis die Jndcngemeinde mit sechs gedicgcneu Gänsen die schwere Noch bannte. Dem kaiserlichen Gaumen bchagren sie so ausnehmend, daß Matthias der Preßburger Judcnschaft mehrere wcrthvolle Privilegien ertheiltc mit der Gcgcuvcrpflichtung, von nun ab für den kaiserlichen Tisch den üblichen Martinibratcn zu liefern. Nach Anderen ist die Sitte jüngeren Datums. Kaiser Joseph II. soll sie cingeführt haben. Wahrschcinlich hat man eö da mit einer der zahlreichen Legenden zu 11)1111, die das Andenken dcS edlen HerrscherS in den breiten Volksschichten lebendig erhalten. Kaiser Joseph erzählt man, wandelte, wie cS zuweilen seine Art war, unbekannt in dem Pferch des Prejzburgcr Ghettos. Um seine Studien über das von ihm zu erlassende Tolcranzcdikt zu vervollständigen, trat er in eine jüdische Garküche und ließ sich einen Gänsebraten servircu. Ob dieser den Beifall dcS Kaisers gewonnen, der, wie bekannt, seinem Gaumen wenig Konzessionen machte, darüber schweigt die Geschichte, aber Thatsache ist eS. daß er die Deputation der Preßburgcr Inden mit den Martinigänscn in dem historischen Sludienzgange der Wiener Hofburg empsiug. Sic trugen das schimpfliche Abzeichen der ungcehrten Fremdlinge, den roten Mantel, zur Unterscheiduug von ihren böhmischen Glaubensgenossen, die eine blaue Halskrause, und von den deutschen, welche die gelbe Kokarde stigmatisirte. - ״WaS ist das für ein Regiment?" fragte Joseph II den dienstthueildci; Sekretär, auf die Juden weisen. — ״Eure Majestät, das sind Juden." — ״Das hört auf, sofort!" brauste der Revolutionär auf dem Throne auf. Korrcs-oudeilzcu mrd Nachnchtcii. Deutschland. Hannover13 ,׳. November. Am gestrigen Sabbath wurde in dem Gebete für den Landes Herrn, הנתן תשועה, von Herrn Landrabbiner Du. Gronemanu eine Fürbitte für die Genesung des Kronprinzen eingeschaltet. Auch in der Predigt gab Herr Di׳. Gronemanu der innigsten Thcilnahme der Gemeinde für die Leiden dcS erlauchten Fürsten und dem inbrünstigen Flehen für dessen Genesung in ergreifender Weise Ausdruck. Wohl kein Auge in der Versammlung blieb thränenleer. . - -a- Berlin, 13. November. ES ist wirklich interessant zu beobachten, wie die Antisemiten nichts vorübcrgehen lassen, ohne recht weidlich auf die Inden zu schimpfen. Daß sie nun dabei manchmal recht kläglich Fiasko machen, ist durchaus nicht zu verwundern. So hieß cs vor Kurzem in Schmierers ״Moniteur": ״Dr. Jerusalem, der Hauptmacher der Diskonto-Gesellschaft (zu Lcipzig, welche bekanntlich kürzlich fatlirte) stammt von getauften Inden ab. Tie jüdische Rasse ist ihm uoch anzusehcn." Der ״VolkSsreund" schrieb sogar: ״Wir haben uns nun speziell für die Sache interessirt und diesbezügliche Erhebungen gepflogen. Daraufhin können wir versichern, daß Or. Jerusalem thatsächlich von Inden abstanunt, obwohl bereits sein Großvater sich taufen ließ." Nun lesen wir aber, in der neuesten Nummer des ״Echo" das Folgende: ״Werthcr und Lotte haben sich wohl nicht träumen lassen, daß Abkömmlinge ihrer Familie dereinst steckbrieflich verfolgt würden. Daß I)r. Jerusalem, der Direktor der Leipziger Diskonto-Gesellschaft, derselben Familie entstammt, welcher das Urbild von Goethes Wcrlhcr angehörte, ist kaum bekannt; weniger bekannt noch dürfte sein, daß ein anderer Flüchtige,. Namens Schwahn, ein Nachkomme einer der Glieder der Familie Buff ist, zu welcher Lotte gehört." So entpuppt sich denn Herr D!׳. Jerusalem als nichts w.nigcr als Semit — ist vielmehr von recht — deutsch-klassischer Herkunft. Hamburg, 9. November. Der kürzlich hier cinlaufcnde englische Steamer ״Stork" brachte 25 arme jüdische Rückwanderer aus Amerika mit. Dieselben waren von ihrer russischen Hcimath nach Newyork gekommen. Hier aber war ihnen die Landung wegen ihrer Armnth nicht gestattet worden und so mußten sie sofort wieder nach Europa zurückkehren. Die Aermsten sind von hier durch das israelitische Komitee nach Rußland zuruckbefördert worden. Oesterreich-Ungarn. . " Z. D. Wien, 9. November. Oberstlicntenant Adolf Beer wurde von Seiner Majestät dein Kaiser zum Obersten und Kominandanreu des in Laibach garnisonirendcn ArtitteriercgiinculS ernannt. Oberst Beer ist Jude. Oberst Beer ist ein reich begabter Osfizier, der durch seine nngewöhnlichc Begabung und seinen Diensteifer die Gunst Seiner kaiserlichen Hoheit Erz- Herzog Wilhelm, Chef dcS AnittcricwescnS, erlangte. In der österreichischen Armee bestehen 13 Artilleriercgimcnter, und wenn auch im österreichischen Heere eine große Zahl von Inden Oberstcnrang bekleiden, so ist Oberst Beer doch der erste Jude, welcher bei der Artillerie diese hohe Stellung einnimmt.. G. Wien, 1 l. November. Ich habe Ihnen bereits mitgethcilt, in welch schmählicher Weise die antisemitische Presse gegen die von dem Geiste wahrer Humanität getragenen Dcstrebuugen zur Speisung der hungernden Schulkinder zu Felde zieht, weil cö der unglückliche Zufall wollte, daß der Anreger dieser Idee ein Semite und die für diese Idee Einlretcndcn zum Thcil Semiten sind. Auch der durchgcsattcuc antisemitische NcichSraths-