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Jeschurun · 1887-11-17 · Heft 46 (17.11.1887) · p. 728

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 46 (17.11.1887)
Article
Bilder aus der Gegenwart
Date
1887-11-17
Page
728 (sequence 2)
Language
German
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728 ganz gegen seine Gewohnheit, ohne anznklopfen, mit dem Hute ans dem Kopfe, in das Familicnzimmcr. ״Um dcö Himmelswillen! Herr Wollner, was ist Ihnen?" rief Necha, die sich allein dort befand, und voll Entsetzen zu dem bleichen, verstörten jungen Mann hiuüberblickte. Wollner blickte suchend 11m sich, wahrend er mcchaui sch den Hut abnahm. ,,Erna — " stammelte er endlich, ״Erna — sie hier gewesen?" ״Ich habe Er.-a seit vorgestern nicht gesehen," erwiderte Necha. Ein Aechzen entrang sich der Brust deö jungen Mannes, er schwankte und wäre vielleicht zu Boden gestürzt, wäre nicht im selben Moment Herr Friedheim ins Zimmer getreten und hätte den Wankenden am Arme erfaßt. ״Herr Gott! Wollner, was ist Ihnen?" fragte er bestürzt, indem er ihn auf einen Sessel mcderzog. ״Wo ist Erna?" drängte Recha. ״Ich weiß es nicht," murmelte Wollner tonlos. Plötzlich sprang er auf und schien forteilen zu wollen. Friedheim erfaßte abermals seinen Arm. ״So reden Sie doch, um HimmelSwillen! waS ist Ihnen? und wo ist Erna?" ״Ich weiß es nicht," wiederholte Wollner flüsternd, ״ich weiß eö nicht!" schrie er ans und barg daS bleiche, zuckende Antlitz in den Händen. Necha war leichenblaß geworden. O, wie er Erna liebte. — Wenn ihr auch möglicherweise ein Unglück widerfahren sein sollte, Necha fand sie dennoch beneidcnSwcrth. Es währte eine Zeit, bevor er den Freunden mitzutheilen vermochte, in welcher Weise seine Braut sich entfernt hatte. ״Ich hoffe, Ihre Bcsorgniß ist unbegründet," sagte Necha. wahrend ihre Lippen bebten, ״wenn ihre' Amme sie begleitet hat, ist ihr nichts geschehen." ״Daö glaube ich auch," stimmte Friedheim bei. Ernas Eltern haben der Amme immer Vertrauen geschenkt-" ״Der alte Iankel hat ihr nicht getraut," entgegncte Adolf mit leise bebender Stimme, ״und — und — Thatsachc ist cS — unter einem erlogenen Borwand hat sie sic mit sich gelockt." ״Und trotzdem hoffe ich, daß Sic nichts zu fürchten haben." ״Vielleicht ist Erna in Begleitung ihrer Amme ihrem Vater entgegen gegangen." sagte Necha, ״das pflegte sie oft zu thun." ״Wirklich?" ries Wollner aufspringend, ״daran habe ich nicht gedacht — da ist sie vielleicht schon zu Hause." Er neigte sich grüßend und eilte wieder fort. Friedheim blickte ihn kopfschüttelnd nach. ״Erna ist ihrem Vater nicht entgegen gegangen, davon bin ich fest überzeugt. Gebe der Himmel, daß ihr kein ernster Unfall widerfahren ist." Aus NcchaS Antlitz war der letzte Blutstropfen gewichen. ״Willst Du nicht hingcheu. Papa? — Herr Müller ist vielleicht noch nicht zu Hause. — Lasse ihn nicht allein!" fügte sie bittend hinzu." Friedheim neigte sich über sie und küßte ihre bleiche Stirn. ״Ich gehe schon, liebes Kind, hoffentlich ist Erna schon wohlbehalten daheim, daun komme ich gleich zurück." Auch ohne Nechas Aufforderung hätte er sich zu Müller begeben, denn er schätzte das junge Mädchen aufrichtig und war ihretwegen ernstlich besorgt. Als er die Wohnung seines Freundes erreicht hatte, fand er dort Alles in größter Bestürzung. Müller war zwar heimgekommen, doch von Erna keine Spur. In sinnloser Hast rannte Wollner auf und nieder, während Müller mit czeistcrblcichcm Angesicht gegen einen Pfeiler lehnte. Er hielt den Kopf mit beiden Händen, als müsse er all' seine Fassungskraft zusammenraffen, das Unbegreifliche zu begreifen. Der alte Iankel stand vor ihm, um nochmals und abermals den Hergang, so weit er ihm bekannt war, zu wiederholen. FriedheimS Gruß ward kaum erwidert, er fand das jedoch selbstverständlich. Hs Müller richtete sich endlich auf. ״Adolf, mein Sohn," sprach׳ er, und seine Stimme war seltsam heiser, ״ich glaube, es wird das Beste sein, wir bcgeben uns zur Polizei und erstatten Anzeige von Ernas Verschwinden. — Ich werde eine bedeutende Belohnung in Aussicht stellen, das wird den Eiser der Agenten anspornen." ״Das ist auch meine Meinung." stimmte Friedheim bei, ״nur von den Nachforschungen der Polizei läßt sich hier Erfolg erwarten." Adolf erwiderte nichts, nur ein schwerer Seufzer entrang sich seiner Brust, als er zur Müller trat. ״Ich bin bereit," sagte er dann-leise. Doch als eine Dienerin jetzt mit einer brennenden Lanipe in das Zimmer trat, dieselbe auf den Tisch stellte, und als dann der Helle Schein aus Wollners Antlitz fiel, da erschraken die beiden älteren Männer über das maßlos verstörte Aussehen des Jüngern. (Fortsetzung folgt.)

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