Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1887)
- Article
- Bilder aus der Gegenwart
- Date
- 1887-11-10
- Page
- 712 (sequence 2)
- Language
- German
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712 ״Ist sie schon lange fortgegaugen?" wandte er . sich an die Alte, die mit ihm in daS Innere des : Hauses getreten mar. Diese schien seine Frage nicht 11(׳ verstehen. Weinend ging sie zum Belle und schlug § ein weißes Tuch zurück, ein Todtcnautlitz ward sichtbar.! ״Gleich nachdem Sie und das gnädige Fräulein j gestern Abend fortgegangcn sind, ist sic gestorben,"; schluchzte sic, ״sie hat nichts mehr nehmen können." Adolf blickte betroffen bald aus die weinende Frau, bald auf das weiße Angesicht der Leiche, ein Schauer durchrieselte ihn. ״Wann ist sie gestorben?" fragte er. ״Gestern Abend," wiederholte schluchzend die Alte, ״gleich nachdem Sie fort waren." ״Ader nm's Himmelswillen! weshalb haben Sic denn heute Nachmittag meiner Braut sagen lassen, daß die Sterbende nach ihr verlangt?" Jetzt war es die Alte, die betroffen zu ihm emporblickte. ״Was sagen Sie? — ich hätte zu Ihrer Braut sagen lassen, daß meine Tochter nach ihr verlangt? — Aber das ist ja gar nicht möglich, gleich gestern Abend ist die Acrmstc gestorben." Und abermals brach sie in Thräncn aus. Adols griff mit der Hand nach dem Herzen, eine namenlose Augst erfaßte ihn plötzlich. ״Gleichviel, ob Sie sie haben rufen lassen, oder ob cS vielleicht ein Anderer für Sie gethan hat ■— aber hier gewesen ist sie doch." ״Mit Ihnen, gnädiger Herr, gestern Abend." ״Aber heute auch — heute Nachmittag — vor kaum einer Stunde." Die Alte schüttelte den Kopf. ״Heute nicht, gnädiger Herr, heute ist kein Mensch hier gewesen." ״Aber sic hat mir sagen lassen, daß sie zu Ihnen geht." rief Adolf nahezu außer sich, ״besinnen Sie sich nur — sie muß ja hier gewesen sein!" Die alte Frau zog weinend das Tuch wieder über das Antlitz der Leiche, dann aber, sich zu Adolf wendend, legte sic bethcuernd die Hand aus die Brust. ״Beim Seelenheil meiner armer׳. Tochter, gnädiger Herr, das Fräulein ist nicht hier gewesen. Sic war doch gestern so lieb und gut gegen uns, das Kind hier hat sie gerettet — und wie gut hat sie zu meiner Tochter gesprochen! — und hat mir Geld gegeben, weil sic gemeint hat, cs könnte der Kranken nützen — AtleS in der Welt möchte ich für das Fräulein thun — und da sollte ich's Ihnen verschweigen, wenn sie hier gewesen wäre?" Adols fuhr sich mit der Hand durch daS Haar, er halte das Gefühl, als richte sich jedes einzelne Haar seines Hauptes in die Höhe. ״Sind Sie denn den ganzen ׳Nachmittag hier im Zimmer gewesen? — vielleicht haben Sic es vor etwa anderthalb Stunden auf eine kurze Zeit verlassen, und inzwischen ist meine Braut hier gewesen — denn sie hatte die Absicht, herzugchen, man hatte ihr gesagt, die Kranke läge im Sterben und verlange nach ihr." Die Frau schüttelte den Kopf. ״Das ist ein Jrrthmn — ich sagte es Ihnen schon — die Arme ist gestern Abend ciugeschlasim und nimmer ansgewacht. — Möglich, daß sich Jemand einen bösen Scherz mit dem Fräulein gemacht hat, und daß sic hat hcrgehen wollen, und daß sie unterwegs erfahren hat, daß sie leider zu spät kommt, und daß sic darum wieder zurückgegangen ist." Wollner athmcte erleichtert ans. ״DaS mag sein," sagte er, ״gewiß — so wird's sein. Und sie ist am Ende längst zu Hanse und wartet ans mich. Da muß ich eilen." Er richtete noch einige thcilnehmcnde Worte an die alte Frau, gab ihr einiges Geld als Beitrag zu den Bcgräbnißkostcn, dann eilte er fort, wo möglich noch rascher als er gekommen war. Jetzt spottete er selbst über die Augst, die ihn erfaßt hatte, als er Erna in dem Häuschen, wohin sie ihn bestellt hatte, nicht getroffen hatte. . Hätte er nicht selbst die Sache sich erküren können, wie die Atie sie ihm erklärt? Wie würde Erna über ihn lachen, wenn er ihr seinen Schrecken schildern würde. — Mochte sie's immerhin, sie war schön, wenn sie ernsthaft war, doch wenn sic lachte, war sie entzückend. Er aber fühlte sich cnmibct, tHeils durch die übcrstandcne Aufregung, theils durch den hastig zurückgelegten weiten Weg. Sobald er eine leere Droschke traf, stieg er ein und ließ sich zu Müllers Wohnung fahren. Schon von Weitem blickte er hinaus zu den Fenslern, er hoffte Ernas liebliches Gesicht an einem derselben zu entdecken, sie wartete sicherlich jetzt ans ihn, da war cS nur natürlich, daß sie im Fenster lehnte und spähend hinunter auf die Straße blickte. Doch er hatte vergebens hinauf geschaut, kein Mensch war oben sichtbar. Jetzt hielt der Wagen vor dem Hanse. Wollner sprang hinaus und eilte hin»in und hätte in seiner übergroßen Hast in den Hausflur den alten Jankcl beinahe umgerannt. ״Ah, Pardon, guter Alter! — Aber wo ist das Fräulein? ist sie schon lange zu Hanse?" Jankcl blickte betroffen auf den jungen Mann. ״Das Fräulein?" wiederholte er. ״das Fräulein ist noch nicht nach Hause gekommen. Ich habe Ihnen doch gesagt, sie ist in die P . ... straße gegangen, in das vorletzte Haus, zu der Kranken, die im Sterben liegt." (Fortsetzung folgt.)