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Jeschurun · 1887-11-10 · Heft 45 (10.11.1887) · p. 711

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 45 (10.11.1887)
Article
[Rezension] / Am. Sr.
Date
1887-11-10
Page
711 (sequence 2)
Language
German
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711 kaini, der sich die Gcsammthcit dienstbar macht — der Effekt bleibt im Grunde genommen berfcC&c; allein dieAnsfassung ist eine edlere, erhabenere. Menschenwürdigere. Der Talmud drückt denn auch den Nutzen der Gesellschaft in folgender knappen Form and: Die Welt ist nur geschaffen, damit die Menschen sich einander befehlen! (Das.) Also: nicht damit sie einander dienen, sondern damit sie eben einander bcfehlen! Welch' erhebender Gedanke! Ich, der Einzelne, verrichte bloS eine Arbeit, wofür ich Herr bin und mir die Gesammtheit mit der ganzen Summe ihrer Leistungen dienstbar niache.. Dieser Gedanke zur Bcrherrlichung des gesellschaftlichen Zusammenwirkens und der Arbeitstheilnng konnte eben nur im Indenlhnme mit feinen freiheitlichen Institutionen und seiner Würdigung der Persönlichkeit in jedem einzelnen Menscheu zum Durchbruche gelangen. Unsere modernen Nationalökonomen, welche die Gesellschciflslehrc und die Arbeitöthcilnng erfunden zu haben glauben, vermochten noch immer nicht, sich zu dieser Höhe cmporznarbcitcn; sie sprechen noch immer von den Dienstleistungen des Einzelnen im Interesse der Gesauuntheit." Diese wenigen Auszüge dürsten genügen, um von dem aktuellen Wcrthe des Werkes die rechte Borstellung zu. gewinnen. Das Buch enthüll nicht dic Gesammtclhik des Talmud und kündigt sich auch nicht als solches au; ja selbst die zusammeugeftclltcn Gruppen hauen bedeutend erweitert, zumindest verzehnfacht werden können. Der geehrte und gelehrte Verfasser wollte in gefälliger und nützlicher Form ״den intelligenten Klassen aller Konfessionen" den .,Geist des Talmud", einige Proben der HeilSwahrhcitcn dieses oft und viel vcrkannten Riesenwerkes bieten, und du sc seine Ausgabe hat er auch glänzend gelöst. — Wir wünschen dem Buche die weiteste Verbreitung. Möge es, seiner großen Sendung entsprechend, — in die Herzen ״der intclligcnten Klassen aller Konfessionen" hineiutragcn den ״Geist des Talmud!" .Am. Sr. Diforr 11115 der GtkMmrt. Bon Friedrich NoN. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) . Am Abend vorher, als er mit ihr vom Spaziergang gekommen, waren sie auf der P....straße der Stadt zu geschritten, als sie einen herrschaftlichen Wagen in sausendem Galopp hcranrollen sahen. Plötzlich hatte Erna seinen Arm losgelassen und war in die Mitte des Fahrwegs geeilt, wo sie ein kleines, kaum anderthalbjähriges Kind bemerkt hatte, kaum hatte sie das Kind cmporgeriffen und war mit ihm seitwärts geeilt, als der Wagen über dieselben Steine rollte, mit denen das Kind soeben gespielt. Sic hatte cS vom sichern Tode errettet. Das Kind war vollständig unbeschädigt, dennoch schrie cs, als ob cs am Messer steckte, denn cs verlangte mit Gewalt zurück zu seinem gefährlichen Spielplatz. Erna aber ließ cS nicht hinunter, sie hatte von einem etwas größeren Kinde erfahren. Laß die Mutter des kleinen Schreiers in dem gegenüberliegenden Häuschen wohne, dorthin hatte sie cs getragen, selbstverständlich von ihrem Bränrigam begleitet. Am Eingang der Baracke war ihnen eine ulte ärmlich gekleidete Frau cntgcgcngctrctcn, der die Kleine die Arme cntgcgcnstrcckte, cs. war seine Großmutter. Erna hatte ihr mitgethcilt, in welch gefährlicher Situation sie das Kind getroffen, und sic ermahnt, cS nicht wieder unbeaufsichtigt auf die Straße zu lassen. Weinend hatte die Alte ihr gedankt und ihr erzählt, daß ihre Tochter, die Mutter jenes Kindes, todtkrank darniedcrlicge. daß sic vor kaum einer Licrtelstunde wieder einen Blutstürz gehabt habe, und wahrend ihre Matter-sich um sie bemüht hatte, hatte das ihrer Obhut anvertrante Kind sich hinaus ans den Fahrweg begeben, wo Erna es gefunden hatte. Ernas Augen hatten sich mit Thränen des Mitleids gefüllt, sie war an daS Lager der Kranken getreten, hatte diese mit freundlichen Worten zu trösten gesucht, und hatte deren Mutter eine nicht unbedeutende Unterstützung an Geld übergeben, .damit sie die Kranke durch stärkende Mittel laben möge. Daß die Kranke, deren Kind sie gestern gerettet, vor ihrem Tode nochmals daS mitleidige Mädchen zu sehen gewünscht, hatte, an und für sich erschien daS nicht unwahrscheinlich. — Und daß Erna in Begleitung einer zuverlässigen älteren Frau sich au das Sterbebett der Unglücklichen, die nach ihr verlangt hatte, begeben halte — man konnte cs weder als unpassend noch als gefährlich bezeichnen.— Und dennoch war ihrem Verlobten das Her; so schwer und er rannte einher, als gelte eS, seine Braut ans wirklicher Gefahr zu retten. Erst als er die P.... straße erreicht hatte und in der Ferne jenes Häuschen erblickte, in dem er gestern mit ihr gewesen war, da ctthmete er wie erleichtert ans und mäßigte seine durch nichts gerechtfertigte Hast, hoffte er doch nun in wenigen Minuten mit Erna zusammen zu sein. Der Eingang des Hauses war wie gestern offen. In dem Hausflur saß die alte Frau mit dem Kinde im Arm; als st-. Wollner erblickte, erhob sic sich und ging ihm entgeac.:. Er nickte ihr grüßend zu. ״Wo ist das Fräulein?" fragte er hastig. ״DaS Fräulein? —" wiederholte sie fragend. Ungeduldig schritt er an ihr vorüber und trat in das Zimmer. Doch auch hier sah er Erna nicht.

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