Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1887)
- Article
- Wucherische Ausbeutung des Landmanns
- Date
- 1887-11-10
- Page
- 708 (sequence 2)
- Language
- German
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708 m\0 dieses als HauSwnchcr bezeichnet wird. Es aber, wie zum Bcispict in einzelnen Theilm der Priegnitz, crcianen sich doch dergleichen Fälle tagtäglich, und sind es, was in den betreffenden Berichten ausdrücklich würden alle Kreditinstitute und Kapitalisten, welche hcrvorgehoben wird, seltener Juden als vielmehr gerade wegen rückständiger Zinszahlung klagbar werden und j Christen, und zwar besonders ehemalige Landwirlhe cnnitucü das belichenc Grundstück zum ZwangSverkans , und Gastwirthe, ferner Kanflcute und andere Persondringen lassen, uni er die Kategorie der ״HauSwuchcrer" fallen. Oder soll hier etwa ein Unterschied gemacht werden zwischen dem ״jüdischen" und ״christlichen" Gläubiger? Ueber den Wucher im Thüringschcn berichtet In-. Franz in Weimar, daß derselbe in den letzten Jahren erheblich abgcnonunen habe. Er hebt hervor'), ״daß man weit fchlgehcn würde", ״das israelitische Element" ״mit den! Wuchert hum zu identifizircn." Im Uebrigen führt er an"), daß die Spar- und Vorschnßvercinc nach Schulze- Delitzsch oder die DarlehnSkassen nach Reifeisen ebenfalls oft ,.ungebührlich hohe Zinsen" nehmen, .,manche nehmen Zinsen, die im Volke geradezu als Wucherzinjen gelten." Ja er berichtet sogar von Fällen, ״wo dieses mit einer Schlauheit eingerichtet werden soll, der allein cS zu verdanken sei, wenn eine solche Anstaltsdirektion nicht mit den! Strafrichtcr in Berührung gebracht werden könne". Und er führt fort: ״Also eine ähnliche Praxis wie beim Wucherer von Profession; aber auch damit noch nicht genug, ganz dieselbe Furcht, welche den Bauern abhält, sein Verhältnis; zum Inden zu beichten, soll bei einzelnen Kassen ihn auch abhaltcn, sein Verhältnis; — zur Kasse? — nein: z ׳.׳.!!! Herrn Kassircr, der diesem noch ein Kollegin!!! Privatissimum hält, bloß zu stellen, so daß inan ihn! ankommen könnte; diese Mitthcilnngen sind aus sehr unterrichteten Quellen geschöpft." Ueber das Herzogtum Braun schweig heißt cs, das; der Wucher so vereinzelt daselbst austrete, daß etwas Besonderes darüber nicht mitzntheilcn sei. Der Direktor Bökeln!ann in Kiel berichtet über die Verhältnisse in S ch l c S w i g - H o l st c i n, daß daselbst wenig .oder gar nicht Wnchcrfälle Vorkommen. Er schreibt dieses den gesunden Verhältnissen dieser Provinz zu. Charakteristisch für den Geist des Berichterstatters ist dabei die Bemerkung: ^) ..Der Jude findet sich im Allgemeinen erst da ein. wo der soziale Körper angefangen hat zu kranken." Welchen andern Zweck kann diese Bemerkung haben, als um dem Borurthcile gegen die Juden Ausdruck zu verleihen? Ueber den Wucher auf dem Lande in der Provinz B r a n d e n b u r g berichtet I. S ch n e i d er in Friedenau. Er konstatirt, daß daselbst der Wucher nur im geringen Maße ünzutresscn sei. ״In!nauchen Gegenden," schreibt er,') ״sind cS allerdings hauptsächlich jüdische Handelsleute, außerdem aber auch, wenngleich weniger zahlreich, christliche Geschäftsleute; in andern Gegenden *) Seite ‘272. -) 'Seite 277. a) Seite 280. י־) Seite 291. lichkeitcn, welche die wucherische Ausbeutung der benachbartcn Laudwirthe betreiben. In manchen. Aezirken, wie znm Beispiel in Riederlausitz, sind eS übrigens auch wohlhabende Bane׳.!! selbst, welche dieses Geschäft ihren weniger glücklich situirtcn Nachbarn gegenüber in Anwendung bringen." Ueber das Königreich Sachsen berichtet Ockonomierath von Langsdorfs, daß dase'bst Wucher nicht vorkommt. DaS Gleiche gilt nach dein Berichte deS RittergutsbesitzcrS Pogge für das Großhcrzogthnm Mccklenbürg. Diidttem! lN!g der Ähnle. Von Bezirksrabbiner IN׳. Ehrmann in Baden (Schweiz). II. Daß unsere Ncligionsschulc mit ihrem RcligionSunterricht die Jugend nicht religiös gemacht hat, daß man die Zaddikin! und Chassidim, die ihr entwachsen sind, an den Fingern hcrzählen kann und noch eine ganz stattliche Fingerzahl übrig behält, rührt von der Religion her, die daselbst gelehrt wird und von der Art, wie sie gelehrt wird, in sehr vielen Fällen auch von der Persönlichkeit deS Lehrers, durch den sie gelehrt wird..— Die Panegyriker des systematischen Neligionö- Unterrichts müssen das natürlich bestreiten, wenn sie ihre Impotenz nicht cinräumen wollen. Sie bereden sich und Andere, daß wenn auch der religiöse Sinn in unserer Zeit sehr gesunken sei. so wäre cr doch noch mehr gesunken, wenn sie ihre Religion nicht soweit wenigstens gerettet hätten, als er noch thatsachlich crhalten ist. Wer in eine fixe Idee einmal verbohrt ist, wird durch bloße Vernunstgründc nicht davon zurückgebracht. Aber Diejenigen, welche sich noch ein unbefangeneS Urthcil in dieser Sache bewahrt haben, sehen sich vielleicht veranlaßt, die solgendcn Sätze einer Er- Wägung zu unterziehen. ES hat einmal eine Zeit gegeben, in der man von einer israelititschcn Religion absolut nichts wußte, in der inan keine Lehrer, keine Bücher, keine Schulen, ja nicht einmal einen ׳Namen hatte für das. waS man heutzutage ,.israelitische Religion", ״systematischen mosaischen Religionsunterricht" nennt. Diese Zeiten waren die religiösesten. Sie liegen circa 60 bis 70 Iahte hinter uns. Seitdem damals die israelitische