Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1887)
- Article
- [Rezension] / Am. Sr.
- Date
- 1887-11-03
- Page
- 694 (sequence 2)
- Language
- German
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694 in der antiseuiitischen Politik giebts keinen Raum für! Ueberzcugung. Die Judenhetzc ist eben ein ״Geschäft",! welches auf ehrlicher Basis unmöglich prosperiren kann.! Es wäre daher mehr als naiv, von den Firmaträgern! eines solchen ״Geschäftes״ Wahrhaftigkeit und lieber־ I zengnngStrcue zu fordern." Seite 207. ״Zwei gewandte Dialektiker standen vor Kaiser Hadrian, um im Ncdekampfc ihren Geist und ihre Beredsamkeit bewundern zu lassen. Der eine hatte daS l׳ot> der Sprache als Thema seines VortragcS gewählt, während der zweite das Lob deS Schweigens anstimmte.— Der Lobredncr bei* Sprache begann seine AuSeinandersctznng; er machte geltend, daß ohne Sprache die schöne Braut keinen HhmnuS bekomnren würde, daß ohne Sprache kein gesclligcr Verkehr, nicht einmal die Schifffahrt möglich wäre n. s. w. — Als er mit seiner Rede zu Ende war, wollte der andere die Vorzüge deS Schweigens schildern, doch sein Gegner versetzte ihm einen Schlag auf den Mund, und hinderte ihn am Sprechen. ״Was machst du dal׳' rief Hadrian entrüstet. ״Herr!" erwiderte der Gefragte, ״ich habe durch die Sprache ben ״Vorzug der Sprache" bewiesen; jener aber will durch die Sprache daS Schweigen vertheidigen : er sicht also, daß er der Sprache nicht entbehren kann!" (Ialkut 4. M.) So machen'S heute manche Rabikalreformer auf religiösem Gebiete. Sie leugnen z. B. den Talmud, indem sic ihre Behauptung eben mit talmudischen Waffen zu vcrtheidigen suchen. Sie lönnen also den Talmud nicht einmal dort entbehren, wo cS sich ihnen um dessen De Savvuirung handelt. Solche Leute deSavouiren im Grunde genommen mir sich selbst!" Seite 54.— Rabbi Pi 11 chaS ben Iair gehörte zu den größten Talmudlchrern, der jedoch nicht blos wegen seiner umfassenden Gelehrsamkeit, sondern in vielleicht noch höherem Maße in Folge seiner Fröinmigkei! und Menschenliebe eine allgemein gefeierte Persönlichkeit war re. ic Dieser ernährte sich seit seiner frühesten Kindheit von seiner Hände Arbeit nnd nahm nie von irgend Jemandem eine Gabe oder Einladung zum Mahle an. Ans einer seiner Reisen zum Zwecke der ׳Auslösung von Gefangenen führte ihn der Weg vor der Wohnung dcS damaligen Synhedrialpräsidenten R. 3ehn da vorbei. Dieser eilte dem frommen Manne entgegen und lud ihn ein, in seinem Hanse etwas zu genießen. Der fromme Pilger lehnte ausnahmsweise diese Einladung nicht ab. R. Jehnda war hierüber so hoch erfreut, daß durch sein strahlendes Antlitz die freudige Erregung auch von R. PinchaS bemerkt wurde. Dieser sagte daher: ״Warum bist du so überrascht? Glaubst du denn, ich hätte jeden Genuß bei einem Glaubensgenossen durch ein Gelübde mir versagt? Gott bewahre! dem ist nicht so. Allein Israel ist ein gar heilig Volk. Viele geben gerne, ohne die Mittel zu besitzen, wieder Andere besitzen Mittel, geben jedoch nicht gerne. Anders jedoch verhält eS sich bei dir: du besitzt die Mittel und auch daS Herz zu geben, weshalb für mich kein Grund vorhanden zur Ablehnung deiner Einladung!".״Diese Auseinandersetznng deS N. PruchaS erheischt eine klare Darstellung, da sie selbst vielen Autoritäten auf talmndischem Gebiete ans ältevcr und neuerer Zeit ziemlich dunkel geblieben. In der Thal scheinen die beiden Anssprüche: ״Israel ist ein heilig Volk", ferner: ,.ES existiren unter unseren Glaubensgenossen auch solche, welche über die nöthigen Mittel verfügen, doch kein Herz zu geben haben" — einen iitucrn Widerspruch zu enthalten! Und doch ist der Sinn ganz einfach. Der fromme Gelehrte, der sein ablehnendes Verhalten bei einer ihm dargebotencn Gabe oder bei einer ihm zu Theit gewordenen Einladung zu motivircn suchte, wollte nämlich Folgendes sagen: ״Bei anderen Völkern ist vorauszusetzen, daß wenn׳ Jemand etwas giebt, er hierzu die Mittel und auch daS Hcrz besitzt, da für ihn ja zu einer diesfälligen Leistung kein zwingendes Motiv vorhanden. Was dieser mithin ans freien Mitteln thut, kann gewiß nicht als ״schweres Opfer" betrachtet werden. — Anders jedoch verhält cS sich um Israel, welches ein heilig Volk ist! Da muß man beim Empfange einer Gabe oder bei der Annähme einer Einladung sehr znrückhattend sein, da diese Leistung für den Betreffenden oft ein ״schweres Opjer" bedeutet. Es existiren Manche, welche keine Mittel besitzen und aus Frömmigkeit dennoch geben; sic bringen hierbei also ein schweres Opfer. In gleicher Weise cxistiren Manche, welche wohl über ausreichende Mitte! verfügen, allein in Folge ihres geizigen Naturells nicht gerne geben. Gleichwohl geben auch diese ans Frömmigkeit, wie sehr schwer sie dieses Opfer in Folge ihres sehr bedauerlichen krankhaften Geizes auch enrpsinden, denn Israel ist eben ein heilig Volk, ivelchcS die größte Selbstverleugnung sich anserlegte, um das Gebot der Nächstenliebe und der Gastfrcundschaft zu üben. Nun will ich aber nicht, daß Jemand meinetwegen sieh ein schweres Opfer aufcrlege. DaS ist der Grund meiner Zurückhaltung in Bezug auf irgend eines Genusses bei einem Fremden. Nachdem aber in Bezug aus dich solche Rücksichten nicht obwalten, nehme ich die Einladung gerne an." (Schluß folgt.)