Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1887)
- Article
- Österreich-Ungarn : Wien [Nachricht]
- Date
- 1887-10-27
- Page
- 685 (sequence 2)
- Language
- German
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685 Sie sind ein mcrkniürdigeS Anzeichen für die ßanj unglaublich finstere Unwissenheit, in welche die Hetzkapläne gesunken sind. 5 21. Oktober. Wie weit cs der fanatische Judenhaß der Antisemiten in seiner Verblendung bringen kann, das. haben wir wieder klar imb deutlich neuerdings gesehen, alS die Versorgung der hungernden Schulkinder das öffentliche Interesse der Hauptstadt in Anspruch nahm. Ein großes Unglück war dabei gcschchcn, daß ein Semite, der Redakteur der ״Presse", Herr.Johann Lichlenstedl, sich unterfangen hatte, als Erster, aus ,diesenwunden Fleck des hauptstädtischen Lebens hinzuweisen— und ziffernmäßig darzuthun, daß in Wien zweitansendsünshnndcrt hungernde Schulkinder vorhanden seien. Welchen Eindruck diese Enthüllung in allen Kreisen der-Hauptstadt machte, brauche ich nicht zn schildern. Durch die politischen Zeitungen ist cs ja genngsam bekannt, wie sich gerade die höchstgestellten Kreise. der Gesellschaft der Sache annahmcn. Die kaiserliche Familie, die Vater der Stadt, die Bürger, kurz alle edcldenkeudcu Menschen trugen nach Kräften dazu bei, diesemhilunielschreienden Elende ein Ende zu bereiten. Und da besaß die jndcnfeindliche Presse den traurigen Mnth, diesen von der reinsten Humanität inspirirtcn Bestrebungen cutgegenzntrctcn — weil eS der unglückliche Zufall wollte, daß ein Semite diese Statistik menschlichen Elends ansgestellt, .weil Semiten cs.waren, die auch ihr Schcrflcin, und zwar nicht das winzigste, dazu beigetragen, den Hunger, nicht semitischer — sondern arischer Kinder zu stillen. ' Da wagte es das ״Vaterland", Folgendes zu schreiben: ״Die Agitation für die ,hungernden Schulkmdrck wird in sämmtlichcn liberalen Blättern fortgesetzt: Heute tritt auch der Bürgermeister Uhl mit einem Aufrufe in die Oessentlichkeit, in welchem er. zu Spenden für die ,hungernden Schulkindeck anfsordert. UcbrigenS werden auch immer mehr Stimmen laut, welche den von einem jüdischen Journalisten inszenirtcn <HnmanilätSrnnrmeb ans das richtige Maß zurückführen.".׳ In noch schmählicherer Weise wagte sich ein gewisser Schenkcnbach in einer Volksversamnckung anszusprechen: ״Die zu Gunsten der hungernden Schulkinder nntemommeue Aktion sei zu bekämpfen, die Arrangeure der Aktion seien Juden und Freimaurer." ״ES.wcr.de mir gegeben, um hinterdrein ein Geschäft zu 'machen," — ״denn eS befinden sich unter den Hungerigcn-— auch Juden kinder." (k) Diese Aktion für die. armen Schulkinder bezwecke blos die ״Etablirung einer'׳ großen Fütternngsanstalt, welche nur die gemeinen Triebe deS Magens stillen soll." Man ging endlich so weit, zu behaupten, daß die Zahl 2530 aus Uebertrcibung beruhe, ״in ganz Wien gehe kein Kind wirklich hungrig zur Schule, weder Vormittags noch Nachmittags. Mögen die Eltern noch so arm sein, so. lassen sie ihr Kmd doch nicht mit leerem Magen fort. Der Fall, daß ein Kind in der Volksschule vor Hunger bewußtlos ward, ist auch gar nie vorgekom« men." ״Man.hat also die Bevölkerung Wiens mit der gänzlich unbegründeten imb unbewiesenen Ziffer von 2530 hungernden Kindern einfach nur erschrecken und cinschüchtern und zu einer Aktion treiben wollen, welche der ganzen Welt den greifbaren Beweis liefern sollte, wie schlimm cS bereits mit den wirthschaftlichen Verhältnissen Wiens bestell! sei." ״Aber wenn man die Statistik dcS MiNagsbrodcs der Kinder anstcllt, und dabei 2530 hungrige Kinder konstatirt, dann altarmirt man in der That die Gesellschaft, dann erzeugt man einen Zustand der Beunruhigung, der in Anbetracht, daß seine Grundlage ganz salsch ist, geradezu unverantwortlich genannt werden muß." Nun stellt sich aber heraus, daß die Zahl der hungernden Schulkinder nicht 2500, sondern 4500 ist. Das war also die semitische Ukbcrtreibung! — Die Sache der ״hungernden Schulkinder" zeigt nuS leider wieder, daß wir cs unfern Gegnern nie recht niachcn können. Ob so, oder so — der Jude muß verbrannt werden. 0. Wien. Die ״N. ft. Pr." schreibt: ״AuS den Berichten der österreichisch-ungarischen Konsular- Acmter geht hervor,'daß die Einwanderung österreichischnngarischer Staatsangehöriger nach Nordamerika iin Jahre 1686 in nicht unbeträchtlichem Maße zngeliommcii hat. So sind in diesem Jahre in Ncwhork nicht weniger als 19 994 Angehörige der diesseitigen Neichshälfte, darunter 4222 Auswanderer ans Böhmen, gelandet, .welche, größtenthcils aller Barmittel entblößt, in der Jndnftrie ihr Fortkommen suchten. Während im Jahre 1665 über den Hasen von Baltimore nur 020 Individuen ans unserer Monarchie cingewandert waren, betrug im Jahre 1686 die Zahl der über diesen Hasen cingcwanderten Oestcrrcicher und Ungarn 3009 Personen. In keinem Verhältnisse zu dieser Znnähme der Einwanderung stehe das Angebot der Arbeit in Nordamerika. Sämmtliche Kcmsntar-Aemter weisen darauf hin, daß in Nordamerika kein Mangel an Arbeitskräften bestehe, daß alle Erwerbszweige dort überfüllt seien, und daß cS fremden Arbeitern ganz bcsonders schwer falle, Arbeit zu bekommen, zumal die dort bestehenden Arbeiter-Assoziationen eingcwanderten Verussgcuosseu in jeder Art und Weise Hindernisse in den Weg legen. Die Einwanderung von arbeitsuchenden, mit keinen oder nur geringen'Mitteln versehenen Individnen trage nur dazu bei, die sozialen Gefahren für Amerika zu vermehren, wcßhalb die Frage der Einschränkung der Einwandernng voraussichtlich in nicht zu langer Zeit zur öfseutlichen Erörterung in Nordamerika kommen werde." Hierzu bemerkt die ״Pol.