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Jeschurun · 1887-10-20 · Heft 41-42 (20.10.1887) · p. 666

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 41-42 (20.10.1887)
Article
Deutschland : Hannover [Nachricht]
Date
1887-10-20
Page
666 (sequence 2)
Language
German
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666 schützte sie und die Gemeinde soll sie nach diesem neuen Gesetze schützen; und dafür sotten sie ihr die Gemeindeabgaben, gleich den Christen, entrichten. Wenn nun der Jude gedoppelt, einmal dem Schutzhcrrn, der nicht mehr cxistirt, dann wiederum dem Staate und der Gemeiude steuern sott, so sollte er nach dem alten deutschen Prinzipc auch doppelte Rechte genießen, und dagegen gedoppelte Pflichten leisten. Christus hat Brüderlichkeit, nicht Leibeigenschaft, nicht Rechtlosigkeit und Inhumanität .geboten, wie die es thun, welche sich Glieder eines christlichen Staates nennen —!" -a- Berlin, 16. Oktober. Vor Jahresfrist habe ich Ihnen im Kurzen einen Auszug aus den Mittheilungen des k. preußischen statistischen Bureau zufommcn lassen, aus welchem hcrvorgmg, daß die Kindersterblichkeit bei den Juden bebcuteub geringer ist, als bei der nichtjüdischcn Bevölkerung. Oldendorfs macht nun in einer kürzlich erschienenen Abhandlung darauf ausmcrksanl, daßHoffmann (Sammlung kleiner Schriften u. s. f., Berlin 1843 und 1844) zuerst darauf hingewiesen, daß in Preußen bei den Juden die Kindersterblichkeit eine ausfallend geringe sei. Die Christen verloren vor Ablauf des fünften Lebensjahres fast */•> aller ehelich Geborenen (incl. Todtgeborenen), die Juden hingegen von ihren Geborenen zusammen (incl. 1111־ eheliche und todtgeborene) nur wenig über 13 ך. Aehnliche Verhältnisse konstatirt unter Andern Glatter (Das Nassenelement in seinem Cinflnß auf biotische Zustände, Ocstcrr. Revue, Wien 1663): Bon 10 Geborenen starben bei Juden im ersten Monat 6,3, im zweiten bis fünften Jahr 15,0, im dritten bis fünften Jahr 45,6; bei Chri st e n (Serben, Deutschen, Slavcn, Ungarn) im ersten Monat 16,1, im zweiten bis fünften Jahr 17,7, im dritten bis fünften Jahr 52,8. Oesterreich-Ungarn. * St. Pölten, 14. Oktober. Nach heftigem Wahlkampfe wurde, wie die ״N. Fr. Pr." meldet, der Antisemit Ursinn zum NeichsräthSabgcordiietcu unserer Stadtegruppe gewühlt, der Kandidat der deutsch-liberalen Partei. D1-. Granit sch, blieb in der engeren Wahl in der Minorität. Seit Wochen hatte die antisemitische Agitation den ganzen Wahlkreis beherrscht und, nicht wählerisch in den Mitteln der Agitation, einen wahren Wahltcrrorismus etabtirt. Die liberale Partei war, in sicherer Erwartung des -Sieges ihres Kandidaten, ruhig geblieben, und wie die Wahl zeigte, trat die gesainnite Intelligenz für den Kandidaten der liberalen Partei ein. Während der gestrigen Wahl hatten die Antisemiten ihr Lager in Dcym's Gasthausc ansgeschlagen. Hier gab cs den ganzen Tag Mciischenansammlniigen, die unter Gejchrci und wüstem Gejohle durch Wahlagcnten, die aus Wien gekommen waren, zum Wahllokale geführt wurden, uni dort die liberalen Wähler ciuzuschüchtcrn. Die Antisemiten hatten auch in der Wahlkommission selbst einen Parteigenossen sitzen, der vom Statthaltereirathe Karl Ritter v. Spohn!niederholt zur Ruhe verwiesen werden mußte, da er eS für gut fand, oft in brüsker Weise aus nichtigen Gründen gegen das Wahlrecht einzelner Wähler zu protcstiren. Die Aufregung bei der Wahl steigerte sich noch allenLhalben. Die Klerikalen agitiren nun für llvfiim, und ihr Kandidat Wimmer ließ eiligst durch Plakate und Telegramme seine Parteigenossen aufsordern, ihre Stimmen dem Kandidaten der Anliscmiten zu geben. Ihre Agenten gingen in St. Pölten von HanS zu HauS. 1)!׳. Müller aus Wien und der ehemalige Hörer der Wiener Universität, Ursinn jun., erschienen wiederholt im Wahllokale selbst. Um 8 Uhr Abends begann das zweite Skriitiniiim. Bei der Bereiuigiiug der Klerikalen mit den Autisemiteii war das Resultat leicht voraus- Zusehen. Unter stürmischem Gejohle wurde das Wahlresultat vor dem Thcalcrgebäude und aus dem breiten Markte von den hier versammelten BolkSmasscn begrüßt, die unter Führung der antisemitischen Agenten mit den Rufen: ׳״Nieder mit den Juden!" auf den Plätzen herumzogcn und jedes neu cintrcssende Telegramm über den Erfolg in den anderen Aahlortcn mit lamcm Geschrei begrüßten. Bis in die späte Nacht hinein währte der wüste Lärm auf den Straßen, mit welchem die Anliscmiten ihren Sieg feierten. A. Prestburlg, Oktober. Bor dem Strasseuate dcS Picßbnrger königlichen Gerichtshofes wurde vergangcne Woche ein Rachspict der Brandkatastrophe von D. Szerdahely verhandelt. Den Vorsitz des Ge-' richtshofcs führte Vizepräsident v. OroSz. Als Vertheidigcr fnngirtc Advokat v. Prcyszler. Der Thatbestand der Strafaffäre ist in Kurzem folgender: Am 18. Juni l. I. gegen Mitternacht brach unmittelbar nach der RcichStagswahl in D. Szerdahely Feuer ans, welches in kurzer Zeit solch' eine Ausdehnung gewann, daß cS mehr als hundert Häuser einäfcherte. Bei dieser Gelegenheit war es nun, daß die Abgebrannten, meistens arme Inden aus D. Szerdahely, drei Bauern aus der Rachbargemcindc BööS beschuldigten, dieselben hätten ans Partcihaß und Fanatismus das Feuer vorsätzlich gelegt. Die drei Bauern wurden sofort untersucht, bei welcher Gelegenheit bei denselben unzählige Werthsachen vorgefmiden wurden, welche von David BiSschitz, -Lwlzhäudlcr in Szerdahely, welcher cbcnfatts abbrannte, als sein Cigciuhum agnoSzirt wurden. Die Verthcidigung der drei Bauern über den Umstand, wieso sic in den Besitz dieser Werthsachen kamen, bestand einfach darin, daß sie behaupteten, sie hätten diese Gegcnstände aus der Gasse gesunden. Da jedoch die drei

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