Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1887-10-20 · Heft 41-42 (20.10.1887) · p. 664

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 41-42 (20.10.1887)
Article
Österreich-Ungarn : Olmütz [Nachricht]
Date
1887-10-20
Page
664 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
correspondence
OCR quality
87% known words query
IRI
…/2932754-2932755-2932796--26283-2937072
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

664 daS Eigenthnm der Juden und der übrigen Kojeteiner Bürger, und es ist lediglich der unermülhlichen Thätigfeit der staatlichen Organe zu verdanken, dag größerem Unglücke und Gcwaltthätigkeitcn Einhalt gcthan wurde. Am 24. April 1887 Abends entfernte sich die ledige Tochter des Philipp KrybnS aus dem Elternhause; als diese mm die Nacht über nicht heimgekchrt war, wurde gleich ״TagS darauf nach derselben geforscht. Trotz der ausgebreiteten Nachforschungen, an denen sich von Tag zu Tag immer weitere Kreise des Kojeteiner Volkes, vornehmlich aber die unteren klaffen bcthciligtcn, konnten deren Spnrcn nicht entdeckt werden. Da begann unter dem Volke die Meinung auszn tauchen, daß Marie Krybus wahrscheinlich ermordet wurde, und alsbald begann daS Volk nach dein Thätcr zu rathen. Unter dem Volke wurde das Gerücht ausgcsprcngt. daß Marie Krybus dem vermeintlichen jüdischen RituS, nämlich Ehristcublut zur Herstellung des Ostcrbrotes auSzusaugcn, zum Opfer gefallen sei. Dieses Gerücht trugen die Angeklagten auf solch böswillige Art in die erregte Menge, daß es unmöglich war, die unwahren Nachrichten im Volke selbst dann zu tntkrästcn, als der Leichnam der Marie Krybus am 4. Mai 18S7 in der March bei Bczmeran aufgefnudcn, am 5. Mai gerichtlich vbdnzirt und hierbei auf das Bestimmteste konstatirt wurde, daß Marie KrybuS als mit einem geistigen Gebrechen behaftet, sei es mm zufällig, sei cs in selbstmörderischer Absicht in die March gefallen und ertrunken sei, ohne daß dabei irgend eine dritte Person mitschuldig gewesen wäre. Der Anklage ist weiter zu entnehmen, daß die Angeklagten sich durch allerlei crjundcnc Geschichten bemühten, die Schuld an dem Verschwinden der Marie Krybus den Juden zuzuschiebc!?. So erzählte der Angeklagte Mathias Aapletal, bereits wiederholt abgestrafl, einige Tage nachdem die Krybus entschwunden war, daß zwei Inden am 24. April 1687 ein Mädchen in die Schule ge-׳ schleppt und dort cingcsperrt hätten. Als er cm der Schule vorübcrgegaugcn sei, habe er die KrybuS wehklagen gehört. Diese erlogene Angabe wiederholte Zaplcta! vor den Gendarmen, bei denen er den Kojetcincr Leopold Wcißkopf verdächtigte. Er sügtc hinzu, daß er selbst ein Werkzeug gesehen habe, womit die Inden das Ehristcublut ausznpnmpcn pflegen. Zaplela! behanptetc selbst vor dem Untersuchungsrichter, daß seine Angaben wahr seien. Die Angeklagten Apollonia Konril, Anna Kalnpka, Marie Kocian und Iosephinc Pospischil wurden sogar darüber einig, daß sie durch Lesen im ״Heiligen Johannes" erfahren würden, wo sich die KrybuS dcsinde; sic fanben auch ״nach den Bewegungen des VuchcS" heraus, daß die Krybus bei dcn Juden gesucht werden müsse; die Konril erklärte, daß die Krybus bei Lepold Wcißkopf erschlagen wurde und daß die Leiche des Mädchens sich unterhalb des Tempels befinde. Der Angeklagte Bcran erzählte, daß er die Leiche der KrybuS gesehen habe. Diese Erzählungen erregten die Menge, und am 3. Mai rottete sich eine Anzahl von Personen in der Jndcngasse zusammen; dieselben schlugen die Fensterscheiben ein, verlangten von den Juden, daß sie die Krybus ausliefcrn mögen, und riefen: ״Die Juden l)a1teu! Hurrah, auf gegen sic!" rc. Am 7. Mai wiederholten sich die Exzesse; es erschien eine Menge bewaffneter Männer aus Polkowitz und Uhricic, welche die Inden gleichfalls bedrohten und deren Fenster einschlugen. (N. Fr. Pr.) * 15. Oktober. Bei der heute beendigten Hanptverhandlung gegen die Kojeteiner Exzcdcnten wurde der Hauptangeklagte Zaplctal wegen öffentlicher Gcwalttyätigkcit zu sechs Monaten schweren Kerkers, 53 Angeklagte theils wegen desselben Verbrechenö, theils wegen Auflaufs oder Einmengung in eine anrtliche Handlung zu Kerker oder Arrest von acht Tagen bis zu mehreren Monaten vernrtheitt. 42 Angeklagte wurden frcigesprochen. * Pest, 12. Oktober. Die Antisemitenpartei des Reichstages scheint in vollständiger Auslösung begriffen zu sein, da sie sich bisher weder in ihrer früheren Gestalt noch als ״christliche Volkspartci" konstitniren konnte. Der früher bestandene Klub ist nicht mehr zusammengetrcten, in Folge dessen auch kein Adreßentwnrf dieser Fraktion zu gewärtigen ist, während sie zu Beginn des vorigen Reichstages mit einem solchen bcbütirtc. Es scheint, daß die Antisemiten bei der Abstimmung über die Adresse sich der einen oder der andern oppositionellen Fraktion anschließen werden. (N. Fr. Pr.) i. Lembevg, 14. Oftober. Den polnischen Blättern meldet man übereinstimmend, daß die gricchisch-unirte Bevölkerung in Podlachien von dcn russischen Be- Hörden neuerdings in rücksichtslosester Weise verfolgt werde. Wer sich gegen dcn!Übertritt zur russisch-! orthodoxen Kirche sträubt, wird unter einem beliebigen Vorwände mit Familie mmachsichtlich nach Orenburg verschickt, während man. sein Hab und Gut ,;u Spottpreisen veräußert. Im Bialaer Bezirke wurden sämmttiche katholischen Kirchen geschlossen. Jn Studzianka und Nudn o wurde ähnlich vorgegaugcn. In Lvmazy erschien der Siedlcer Gouverneur, berief! daselbst eine Volksversammlung und rieth der Bevöl׳! kernng sehr eindringlich, sich zum russisch-orthodoxen j Glauben zu bekehren, da die Negierung den letzten! Nest des Katholizismus auszurotten beabsichtige. Mit j der gleichen Strenge gegen die Behörden auch gegen! die Juden vor. Die jüdischen Einwohner, j die sich zum NeligionSwcchsel nicht entschließen können,! wcrdelt schonungslos ausgewiesen,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.