Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 41-42 (20.10.1887)
- Article
- Zeitbetrachtungen
- Date
- 1887-10-20
- Page
- 653 (sequence 2)
- Language
- German
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653 zudichten. Derjenige, welcher in Wahrheit ein Talmudjünger ist — ich verstehe darunter, der die talmudische Lehrweise in sich ausgenommen hat — wird nichts so sehr verschmähen, als die Anwendung einer windigen Sophistik. Er wird auf Klarheit des Gedankens dringen, und weder sich durch Phrasen blenden lassen, noch Andere durch solche täuschen wollen." - ״Ereifern Sie sich nicht," begütigte er mich. ״Ich habe Sie nicht verletzen wollen."- ״Nun wohl. — Sie wollen den Fortschritt auf dem Gebiete der Religion huldigen? — Nicht die Entfernuug von dem inne gehabten Standpunkt'- ist ein Fortschritt. Ein Fortschritt ist nur die Bewegung zu nennen, die mich dem Ziele näher bringt. Damit werden Sie einverstanden sein?" ״Vollkommen." ״Wenn Sie durch das Aufgeben der Sabbathruhe und durch andere Gesetzesverletzungen einen Fortschritt auf dem Gebiete der Religion zu thun vermeinen, so muß Ihnen demnach das von der Religion gesteckte Ziel eben durch diese Nichtbeachtung der Neligivnsgesetzc gefördert erscheinen. Mir ist ein solcher Gedanke allerdings unfaßbar, weil ich nicht begreifen kann, wie die Religion ihr Ideal in dem Ungehorsam gegen ihre Satzungen finden sollte. Ich wollte mich aber auf . ihren vermeintlichen fortschrittlichen Standpunkt stellen, und von diesem muß es allerdings so sein. Wenn nun die Befreiung von den lästigen GesetzeSschrankcn — so heißt cd ja wohl in Ihrer fortschrittlichen Terminologie? — dem Neligionszwecke entsprechen soll, so liegt doch Ln den: Aufgcbcn der Rosch-Hajchana- und Jom-Kippnr-Ruhe ein Fortschritt, welcher von der Entheiligung des Sabbath . seinen AuSgang nimmt. Jene Personen, über welche sie entrüstet sind, weil sie heute am Feiertage ihrer geschäftlichen.Thätigkeit oblagen, huldigen nicht nur mit Ihnen einem vermeintlichen Fortschritte,' sondern sind noch konsequenter als Sic, der Sie sich nur von dem Sabbath und den gewohnlichen Festtagen emanzipiren. Ich kann deshalb wahrlich nicht begreifen, wie Sie von Ihrem Stand׳ punkte auS diesen Pesonen irgend einen Borwurf zu machen berechtigt sind." Mein Freund verzichtete auf eine Erwiderung. Er nannte mich fanatisch angehaucht und meinte, daß ich noch den letzten Nest des noch vorhandenen religiösen Bewußtseins in der Brust der Zeitgenossen durch meine Argumentation zerstörte. Hatte er recht? Ich glaube wohl. Das religiöse Bewußtsein, welches von der Reform gepflegt und von einer gedankenlosen Menge gehegt wird, kann vor dem nüchternen Urtheil des Verstandes nicht Stand halten. Die unerbittliche Logik wirft das glänzende Gebäude der Reform über den Haufen. Die alten Sophisten haben den Schein für das Wesen ausgegeben, Sie verstanden, es über den wahren Begriff der Dinge den Zuhörer zu täuschen und das Heiligste dem frivolen Spotte preiszngeben. Unsere gegenwärtigen Sophisten traten in ihre Fußtopfen und betrogen daS arme Volk um das heilige Erbe der Väter, um daS Bewußtsein seiner hehren Aufgabe. Wenn cS nur gelänge, das be- 1 hörte Volk zur uubefangcneu Prüfung der schillernden Reformphrasen zu bewegen, so würde-! dieselben als solche erkannt werden. (Fortsetzung folgt.) Arider MS der Gegenwart. Don Friedrich Rott. . (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) ״Was sagen Sie zu meinem oratorischcn Talent? —- Aber so gchl's, wenn man von dem gewöhnlichen Wege abgeht. — Doch es ist im Grunde nur Unsinn von mir, daß es mir so schwer wird, gerade heraus mit Ihnen zu reden. Weiß ich doch, daß ich zu einem Ehrenmanne spreche und daß Sie, selbst wenn Sie meinen Antrag nicht akzeptiren, keinen Mißbrauch davon machen werden." ״Davon dürfen Sie sich überzeugt hatten," fiel AdoLs ein. ־ ״Davon halte ich mich auch überzeugt, und darum, nachdem ich Ihnen die pekuniären Verhältnisse geschildert habe, frage ich Sie einfach: würden Sie sich wohl entschließen, d. h. würden Sie es als Glück betrachten, sich mit Erna zu vermählen?" Ein AuSrus jubelnden Erstaunens entfuhr Adolfs Lippen, daun aber preßte er kopfschüttelnd beide Hände gegen die Stirn. ״Nun?" sragte Müller, ״was antworten Sic auf meinen Antrag?" ״Ich — glaube nicht richtig verstanden zu haben," murmelte Adolf, ״bitte — wollen Sie Ihre Frage wiederholen." Lächelnd eil!sprach Mütter seinem Verlangen und abermals entrang sich ein halb unterdrückter Jubelschrei den Lippen des jungen Mannes. Es war wahr, er hatte recht gehört, die Hand des schönsten, liebereizendsten Mädchen war ihm angetragen! — und zwar persönlich von ihrem Vater!" ״Nun?" fragte Müller abermals. ״Ich habe kein Vcnnögcn," stammelte Adolf, ״ich habe nichts als meinen Gehalt." ״Das weiß ich," cntgegncte Mütter, ״ich kenne Ihre Berhältnifle. Also, nehmen Sie meinen Antrag