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Jeschurun · 1887-10-13 · Heft 40-41 (13.10.1887) · p. 645

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 40-41 (13.10.1887)
Article
Österreich-Ungarn : Pest [Nachricht]
Date
1887-10-13
Page
645 (sequence 2)
Language
German
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€45 stndlichen Schule gewarnt wird. Damit hat cs folgende Bcwandtniß. Dieselbe ist eine im Dienste der Judcnmission stehende Anstalt und wird trotzdem von jüdischen Schülern besucht. Die Eltern konnten freilich bis vor Kurzem nicht wissen, welchen Händen sie ihre Kinder anverlraum, da an der Schule auch jüdischer Religionsunterricht crtheilt wurde. In neuerer Zeit jedoch ist der jüdische Religionsunterricht cingcstcllt worden; dagegen aber wird den Eltern eine Erkrärung zur Unterschrift vorgclegt, daß sic cs der Direktion überlassen, für den Religionsunterricht zu sorgen. In Folge dessen nehmen die jüdischen Schüler an dem christlichen Religionsunterrichte, zwölf Stunden in der Woche, regelmäßig Thcil. Man sicht, wie schlau hier operirt wird. Die Gemeindeverwaltung hat es daher für ihre Pflicht erachtet, vor dem Besuch dieser Schule zu warnen und sich zugleich bereit erklärt, für die Unterbringung aller jüdischen Kinder in andern Anstatten zu sorgen. >X Kolomea (Galizien), 5. Oktober. Die Stadt Kolomea hat den ehemaligen Rabbiner zu Floridsdorf, Herrn Dr. Bloch, seinerzeit zu ihrem Ncichsraihsabgcordnetcn erwählt. Nun war kürzlich eine Verfügung erlassen worden, daß der Bolksgartcn, ein öffentlicher Vcrgnügungsort, den nicht chargirten Soldaten vrrboten sei. Daraus nahm die antisemitische Partei in Wien Veranlassung, weidlich über die Juden KolomcaS herzufalten und sie aller Unbilden zu bezichtigen, namentlich auch des Hochmuths, den k. k. Soldaten den Zutritt zu dem Bolksgartcn zu verbieten. Sic geberdetcn sich, als ob die Juden in Kokomca ein übermüthigcS Regiment führen, überall donuniren u. s. w. Dem gegenüber giebt unser Bürgermeister, Herr Dr. Schostcr, in der ״N. Fr. Pr." bekannt, daß er selbst Katholik sei, die Mehrzahl der Ztadtvertrctring ebenfalls sich zur katholischen Religion bekenne, unter der Polizcimannschafr sich kein einziger Jude, auch kein getaufter, befinde und die betrefseudc Maßregel von der Militärbehörde auSgehc. So wird der Amiscmitisnnls betrieben! * Aus Uitftctru. Dem ״Wiener Israelit" wird Folgendes berichtet. Bis jetzt wußten wir, daß wir Juden bloS zu Peßach Ehristcublut brauchen; ein sehr geschcidtcr ungarischer Gemeindevorsteher jedoch meint, daß wir auch zu Suckoth diesen rothen Saft brauchen, obwohl!nan bekanntlich zu Suckoth keine Mazolh bäckt. In Nirvaövar, einer Gemeinde des Szathmarcr KomitalS, hat sich dieser Tage ein Fall ereignet, welcher durch die Böswilligkeit des Ortsrichtcrs leicht schlimme Folgen nach sich hätte ziehen können. Eine Witlwc hatte ihren sechsjährigen Knaben durchgcprügclt, worauf sich derselbe aus dem Hause entfernte. Später suchte die Frau ihr Kind, und da ihr Suchen vergebens war, erstattete sie im Gememdehause die Anzeige von dem Verschwinden des Knaben. Der weise Gemeinde- Vorstand hatte bald hcrauSgcfundcn, daß das Kind durch die Juden um gekommen sein müsse. Als der Knabe bis znm Abend nicht zum Vorschein kam, drang der Richter in Begleitung eines Geschworencn zur später Nachtzeit in die Häuser mehrerer jüdischer Insassen ein, um dort Haussuchung vorzmichmen und unter Drohungen die Herausgabe des flciucn Knaben zu fordern. Als dieses Vorgehen nicht zu dem gewünschten Resultate führte, forderte der Richter uoch im Lauft der Nacht die Ausschließung der Synagoge. Er ließ auch die heilige Lade offnen und Alles aus derselben ausräumen, um die Leiche des ermordeten Christculuaben zu suchen. Mittlerweile war aber der Kleine znm Vorschein gekommen und erzählte unter Thräncn, er habe sich, nachdem er von seiner Mutter geprügelt worden war, in dem Garten zum Schlafen niedcrgelegt. Ohne diesen glücklichen Zufall wäre den armen Juden arg mugespielt worden. Die in der Umgegend von NirvaSvar ansässigen Juden haben gegen das Vorgehen des Richters die Anzeige beim Stuhlrichter erstattet. F r a n f r c i ch. >X\ Bordeaux. Ueber die israelitische Gemeinde zu Bordeaux berichtet Herr Rabbiner Eharicvilkc in den ״Archivcs israetttcö", daß dieselbe sich ursprünglich aus den flüchtigen spanischen und portugiesischen Juden bildete, welche, um derJuguisilion zu entgehen, hierher gekommen waren. Frankreich war aber damals nicht toleranter als Spanien. Den Flüchtlingen blieb auch hier keine andere Wahl als der Scheiterhaufen oder die Taufe. Sic traten :11111 Ehristeuthum über und zählten bald Dank ihres Vermögens,, ihrer Intelligenz und ihrer Gewandtheit, zu den hervorragendsten Einwohnern der Handelsstadt. Im Jahre 1550 erlangten sie, die ״Neu Ehristen", von Heinrich U. die vollen Bürgerrechte. Aeußerlich der Kirche ungehörig, blieben sic im Ge- Heimen der väterlichen Religion treu. Die Revolution von 178‘.» gestattete ihnen, diese Zwittcrstcllung aufzngebeu und sich offen wieder zum Judcuthum zu bekennen. England. *§* London, Oktober. Die ״St. James-Gazette- und Ändere haben seit geraumer Zeit die öffentliche Meinung zu ttngunstcn der unglücklichen jüdischen Flüchtlinge aus Rußland zu beeinflussen sich bemüht. ES wurde unter Andern behauptet, daß dieselben den inländischen Arbeitern das Brod nehmen, daß ״diese Horden hungriger Juden", welche London nbcrschwem-

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