Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 40-41 (13.10.1887)
- Article
- Über die Juden in Algerien
- Date
- 1887-10-13
- Page
- 628 (sequence 2)
- Language
- German
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- Tunis 1× ep/1048155
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62S nach. Vorn mit der rechten Hand erheben sie. cs ein wenig, so daß man einen weißen Spitzcnrock und weiße Atlasschuhe darunter hervorschimmern sieht. Ein weißseidener Shawl umhüllt den Oberkörper, unter dem nur um die Taille reiche Goldspangcn hervorblitzen. Auf dem ticfschwarzen Haar leuchte! cm Goldbrokatluch fest an die Stirn gelegt und in den Nacken niederfallend, die feinen, meist blassen, scharfen, aber cdcln Züge der Töchter JudäaS vortheilhaft umrahmend. Die Jahrhunderte alte Klage des verfolgten Volkes Israel scheint in diesen Frauengcsichtern erstarrt, die hier noch nicht würdeberaubt, die Schmach noch als Unrecht ertragend, als ideale Gestatten zwischen uns wandeln. Die Juden selbst tragen in Algier einen Turban und eine Art türkisches Kostüm. Blaue weite Pludcr- Hosen, seidene strafsgezogcne Strümpfe und elegante Lackschuhe, einen breiten, gewöhnlich rothen Taillengurt, eine verschnürte Jacke, aus deren kokett aufgeknöpften Aermcln weiße bauschige Hemdärmel hervorschimmern. In Tunis tragen sic am Kopse noch die hohe zngcspitzle Salma, eine kegelförmige silberne oder goldene Filigranarbeit, von deren Höhepunkt ein weißer Schleier niedersällt. Im Ganzen machen sie hier, von! Standpunkt des Schönheitssinnes aus, einen weit angcuehmern Eindruck als bei uns in Europa. Der Jude ist Orientale, und nur in diesem Rahmen versteht man sein uns fremdartiges Wesen. Doch der Fluch, der ihn über das Erdenrund verfolgt, das Ahasver'sche Geschick der von den Trümmcrn Jerusalems verstoßenen und entthronten Nasse scheint ihn auch hier ereilt zu haben. Der Haß der Araber gegen die Inden ist fanatisch. Die heimischen TurkoSrcgimcnter mußten nur aus dem Grunde aus Algier versetzt werden, da sie wiederholt JndcnmassakrcS in den Straßen begannen. Dieser Haß hat den Hauptgrund Ln dem bc-- leidigtcn Stolze der Araber. Früher lebte der Jude vielleicht nicht geliebt, aber geduldet zwischen ihnen. Erst seit die Franzosen nach Unterwerfung des Landes den Juden eine Massennaturalisation gewährten, die sie dem Araber aus politischen Gründen versagen zu müssen glaubten — also die Israeliten gesellschaftlich über die früheren Herren des Landes erhoben wurden, entflammte die unversöhnliche Rachsucht des Arabers. Wie der ״Servus" oder ״Colona" in Nom dem stolzen Patrizier gegenüber nie cm freier, sondern nur ein srcigelassencr Sklave wurde, so wird der despotische Araber den afrikanischen Juden nie als gleichgestellten, geschweige denn als höher berechtigten Staatsbürger anerkennen. Der ZkiitHe Rchmmein. Den Christlich-Sozialen und dem Deutschen Antiscmitenbund hat sich eine neue Bereinigung beigcscllt, welche ebenfalls die Unterdrückung und Befehdung der Juden zu den patriotischsten Bestrebungen zählt. Dieser junge Deutsche Reformvcrcin ist ein etwas aufsässiges Kind des Deutschen Anlisemiteubundes. Wie dieser sich murrend von seinem Vater, der christlich-sozialen Partei, abwendctc, so vollzieht sich nunmehr an ihm die rächende Nemesis der Sezession. In! Grunde aber kann die christlich-soziale Partei trotzdem mit Gefricdignng aus die beiden etwas unbändigen Kinder Hinblicken. Sie sind doch die ächten Söhne ihres ErzengerS und bleiben dem im Batcrhausc unerzogenen strengen antisemitischen Prinzipe treu, ja, sic haben sogar dasielbe noch zu einer rcincrn und konsegucntcrn Entfaltnng gebracht. Der alte, noch immer tebenSsrische Papa und Großpapa muß doch im Stillen seine Herzlichc Freude an den etwas unbändigen, aber stramm antisemitisch denkenden und handelnden Burschen haben. Wie tummeln sie doch so derb und freilich etwas nngeschlackt ihr Strcitroß und schleudern Speer und Pfeil etwas zu ungestüm vielleicht, aber doch zielbcwußt gegen den Feind! Das sachkundige Unheil der Christlich-Sozialen über den jugendlichen antisemitischen Reformvcrcin stimmt sicherlich mit dem kernigen WeiSheitSspruche des alten ״Oekonomikcr" Bräsig überein: ,.Aufs Aussehen kommt'S gar nicht an, bloS auf 'ne regelrechte Gangart." Und wenn der alte Großpapa den jungen Enkel ״munstert", so wird er auch sagen: ..Strammer Gang, nich zu flüchtig, hält sich and) nich mit Neben ding'n aus, hat auch 'ne gesetzte Faßong. Der wird!׳•״ Am 28. September hat dieses erste Debüt des ReformvcrcinS in den Arminhallcn zu Berlin stattgesunden. Er verlangt nichts weniger als die Auf- Hebung der Emanzipation der Juden und ihre Stellung unter Fremdcngesctze. Und der Hauptredner I)1\ Böcke! sprach sich noch dahin ans, dan die Juden durch diesen neuen Verein wirksam bekämpft werden und n!an dadurch die Sozialdcmokratcn überzeugen und versöhnen könne. Man dürfe diesen nich! zurufcu ״thut Buße, ihr seid Sünder!", sondern müsse ihr patriotisches Gefühl entfachen. — Was das besagen will, ist unschwer zu verstehen. Die Statuten des neuen Vereins schließen von der Mitgliedschaft alle gelausten Juden aus. — DaS Eröfsnungsdebür schloß mit einem Hoch auf den ״reinen unverfälschten Antisemitismus." Freilich bestand die ״Deutschland, Deutschland