Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1887-09-29 · Heft 39 (29.9.1887) · p. 620

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 39 (29.9.1887)
Article
Österreich-Ungarn : Innsbruck [Nachricht]
Date
1887-09-29
Page
620 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
correspondence
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2932754-2932755-2932794--26136-2936841
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

620 Zirkular, worin die Mitglieder des Bauerustandeß vor dem Beitritte zum Verein gewarnt wurden, weil ״erstens rer Gründer des Vereins ein Deutsch-Liberaler ('?), also nicht unserer Gesinnung, und zweitens weil er sowohl in seinem engeren Vaterlande als auch anderswo mit seinen Bestrebungen sehr oft in Widerspruch geratljcn ist, und man deshalb annchmen kann, daß er sich Tirol als Feld seiner eigenen, nicht aber der Baucrniutercsscn auserkoren hat. Und obwohl bis jetzt ein gewisses gchcimnißootleS Dunkel über den Tcndenzen des neuen Vereins schwebt, müssen wir unsere Mitglieder umsomehr vor der Bctheiiignng warnen, als nach der neuesten öffentlichen Kundgebung die Priester an dieser ersten Versammlung nicht zngelasscn werden, und wir der festesten Uedcrzengung sind, daß der Bestand des Tiroler Bauers ohne seinen Seelsorger gar nicht gedacht werden kann." Die Bauern scheinen aber doch der Meinung gewesen zu sein, sie könnten einmal auch ohne Priester eine Versammlung besuchen, denn trotz obigen Zirkulars kamen gestern in Hansen die Bauern ans Unter- und Obcr-Innthal nach Innsbruck in daS Gasthaus ״Zum weißen Kreuz", wo um 2 Uhr Nachmittags im Beisein eines ReglerniigskornmifsarS, BczirkShanptmanncS Dr. Hoflacher, die Versannnlnng eröffnet wurde. In kurzer Rede gab der Führer der Antisemiten im Neichsrathe als Vorsitzender bekannt, daß er, mehrseiLS von Tiroler Bauern anfgesordert, nun die Bildung eines Bauernvereins hierzulande angcstrebt habe; dieser Verein solle nur die Interessen der bäuerlichen Bevölkerung vertreten. Hierauf brachte er Tclegratnme von antisemitischen Bauernvereinen in Ober- und Niederöstcrreich zur Vcrlesnng und begrüßte die anwesenden Bauernvereins- Vorstände von Salzburg, Obcrösterreich und Steicr mark, welche die Versammlung zur Gründung deö Vereins ermunterten. Daun wurde dem oberöstcrreichischcu Dauer Schamberger, der zur Versammlung gereist lvar, daS Wort zu dem angekündigten Vorträge über die Lage des Bauernstandes ertheilt. Vorher wollte aber der klerikale Wirth Klotz von Inzing sprechen, jedoch der Vorsitzende versagte ihm daS ׳Wort, weil andere Reden nicht auf der Tagesordnung stünden. Schamberacr hielt nun seinen Vortrag, den er schon so oft an anderen Orten gehalten. Die Hauptpointe ging dahin, daß der Bauer seine eigenen Interessen wahren und in der Gesetzgebung zur Geltung bringen solle, und daß, wenn der Bauer selbständig im Denken werde, nicht nteljr Advokaten, Geistliche oder Beamte Baucrninandate für Landtag und NeichSrath erlangen könnten; der Bauernstand solle anfhören, die politische Melkkuh für die Parteien zu sein. SchambergerS Rede wurde mit Beifall ausgenommen. Dann wollte aber wieder Klotz das Wort haben, und da der Vorsitzende cs ihm nicht ertheilte, schrie Klotz, daß hier wohl nur Ausländer sprechen und Tiroler schweigen sollen, das sei eine Schande, und der Vorsitzende als Adeliger wäre den Statuten zufolge gar nicht berechtigt, einen Bauernverein zu gründen. Es entstand ein furchtbarer Tumult, hcrvorgcrnfcn durch Klotz und dessen׳ An- Hänger, und man bedrohte sich gegenseitig ernstlich mit dcnt HiuauSwcrsen. Der Vorsitzende erklärte, daß Niemand zum Vereine gepreßt werden solle, Diejenigen, welche ans freiem Willen beitretcn wollen,!nögen im Saale bleiben, die Anderen sich entfernen. Auf daS hin forderte Klotz seine Obcr-Inuthalcr auf, zu bleiben. Nachdem nun der Vorsitzende sah, daß die Ruhe nicht mehr herzustellen sei, lud er die Beitreteudcn ein, sich in ein anderes Lokal zu begeben, um die Konslituirung uitd die Wahlen für den Ausschuß vorzunchmen. Dies geschah. Klotz und Genossen blieben fäustebalsend zurück. So wurde der ״Bauernverein für Tirol" fertig. Zu bemerken wäre noch, daß auch der klerikale Landtagsabgeordncte Gaslwirth Stadtler von Matrei, dann der HandclSkammcrsckretär Dr. Koster und die deutschnationale Studentenverbindung ״Snevia", welch letztere dem Führer bcv Antisemiten vorgestern einen KommcrS veranstaltete, der BercinSgründung beiwohnten. Der Zutritt zur Versammlung war nur gegen Karten gestattet. (N. Fr. Pr.) *II* Klnttscttbnrg (Siebenbürgen), 23. Septbr. AnS den Antworten, welche unser hier weilender Kaiser auf die Ansprachen der verschiedenen Deputationen erthcilte, dürste das Folgende für ein jüdisches Blatt besonders interessant sein: Der römisch-katholischen Geistlichkeit: ״Mit Freuden empfange Ich und mit innigsten! Danke erwidere Ich die Begrüßungen und die Bezeugung der treuen Gefühle des römisch-katholischen Status und Klerus. Ich weiß eS, wie wichtig und schwierig Ihre Aufgabe ist. Verschiedene Konfessionen und Nationalitäten wohnen im Lande, aber Ich zweifle nicht, daß mit den auf die Wahrheit, den Frieden und die Nächstenliebe bnfirtai Prinzipien unserer Religion und unter der Mitwirkung dieser alten Institution, des römisch-katholischen Status. Sie jederzeit bcispielgebend in erster Reihe bereit sein werden, diese Ausgaben zu erfüllen, die Sittlichkeit zu heben, sowie die brüderliche Eintracht aufrecht zu erhalten, wobei Ich aufrichtig wünsche, daß zwischen Ihren Gläubigen und den anderen Konfessionen angchörenden Mitbürgern außer dem Glauben eine andere Scheidewand nicht bestehen möge. Meine Gnade ist Ihnen bei dieser Ihrer Wirksamkeit sicher; die Gnade und den Segen des Himmels aber wollen wir vom Allmächtigen gcmeinsam erflehen." — Der griechisch orientalischen Geistlichkeit erwiderte der Kaiser: ״Mit Freude empfange Ich die Huldigung der griechisch-׳orientalischen ruma-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.