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Jeschurun · 1887-09-29 · Heft 39 (29.9.1887) · p. 612

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 39 (29.9.1887)
Article
Zeitbetrachtungen
Date
1887-09-29
Page
612 (sequence 2)
Language
German
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612 gcubcn sich nur selten der Geb eie des JndcnthumS zu! erinnern pflegen, in eine religiöse Stimmung und gewähren ihnen einen willkommenen Anlaß $u crnftcrcu Betrachtungen. Man empfindet in diesen Kreisen eine gewisse Befriedigung, daß man doch noch so viel religiöses Bewußtsein besitzt, um während der beiden Nosch-Haschana-Tage und Jom-Kippur das Opfer des Geschüftsstillftandcs der Religion dringen zu können. Es machen sich die Eindrücke der frühesten Kindheit dort geltend. Das Bild dc§ Vaters und der Mutier taucht lebendiger in der Erinnerung auf. Man gedenkt des Ernstes, mit welchem man an der Ellern Seite das Gotteshaus betrat und der Weihe, die diesen hehren Tagen ausgeprägt war. ״Es ist doch traurig, daß die Rcligiösität so sehr im Schwinden begriffen ist," bemerkte einer meiner Freunde, nachdem wir ein herzliches בוח׳׳ט ausgetauscht hatten. ״Ich habe heute eine ganze Anzahl jüdischer Geschäfte in voller Thätigkcit gesehen. Man sollte cs doch nicht für möglich halten, daß an diesen heiligen Tagen ein Jude seinen Sinn aus Erwerb richten kann und dem Gottesdienste fern bleiben mag." Als ich nicht sofort in seine Entrüstung einstimmte, fuhr er fort: ״Ick begreife Ihren Gleichmuth nicht, lieber Freund. Mich empört diese Wahrnehmnng und Sic Läßt sie kühl, und ich zähle doch nicht zu den Frommen!" ״Ihr Erstaunen über die Entweihung des heutigen Festtages vermag ich allerdings nicht zu theilcn," entgeguctc ich, ״aber ich empfinde den gleichen Schmerz, den jede slagrante Mißachtung der Gesetze Gottes in mir hervorruft. Mich verletzt cs stets, wenn ich z. B. am Sabbath meine Freunde in ihrem Verkausslädeu und Büreaux bei der Arbeit sehe, oder sie mir mit der brennenden Zigarre begegnen." Mein Freund war von meiner Antwort unangenehm berührt. ״Sic wollen mir zu verstehen geben," sagte er, ״daß es mir nicht anstehe, mich über die Entweihung des Nosch-Haschauah aufzuhaltcn, da ich doch selbst am Sabbath mein Geschäft geöffnet habe. Das ist aber doch etwas Anderes. Zwischen einem gewöhnlichen Sabbath und dem heiligen Festtage ist doch ein gewaltiger Unterschied. Wenn ich auch sonst nicht so orthodox bin wie Sie, so werden doch heute mich keine Millionen reizen können, um irgend welche geschäftliche ThätigkciL vorzuuchmcn." ״Das Arbeitsvcrbot für Zk5sch-Haschanah ist aber keineswegs ernster und umfassender als dasjenige dcS Sabbath-" ״Mag fein, mag fein,״ unterbrach mich mein Freund, .,aber cS ist dennoch thatsachlich ein Unterschied und zwar zu Gunsten des heutigen Festes. Dasselbe wird thatsachlich von der Mehrzahl als ein streng gebotenes durch Enthaltung von jeglicher Werk- 1()ätlofcit und Besuch des Gottesdienstes gefeiert, während der Sabbath von seiner Heiligkeit in weiten Kreisen, zu denen ich mich auch zähle, sehr viel ciugebüßt hat." ״stch sollte aber doch vermeinen —" ״Ich kann mir Ihren Einwand schon denken," unterbrach er mich wiederum eifrig. ״Sie wollen sagen, diese Unterscheidung sei eine willkürliche, und darum ׳nicht gerechrsertigte. Bon Ihrem orthodoxen Standpunkte mögen Sie recht haben. Diese orthodoxe Anschauung wird aber von nur sehr Wenigen geiheilt. Wir huldigen dem modernen Zeitbewußtsein, der verunnstigen Aufklärung und dem Fortschritt auch auf dem Gebiete der Religion. Was thatsachlich nicht mehr in dem lebendigen Bewußtsein der Gegenwart vorhanden ist, das hat seine Existenzberechtigung verloren. Die strenge Sabbaihfeier stellt sich als eine von der ganzen Gestaltung unserer Verhältnisse längst überholten Institution dar. Kein Makel auf Demjenigen, der sie noch nach frommer Bäterwcijc üben will! Im Gegentheil, er hat meine aufrichtige Hochachtung, so er nur mich nicht verketzert, weil ich dem Fortschritt angehörc. — Vollberechtigter Tadel treffe aber Denjenigen, der im Gegensatz zu der Mehrheit Dasjenige über Bord wirst, was als das heiligste und festeste Band ganz Israel verbindet, ich meine die Feier des Nasch Haschanah und Jont Kippur." ״Ich will die meines Erachtens einzig zutreffende und berechtigte Anschauung einmal nicht in Betracht ziehen", crwicdertc ich, ״und ganz auf Ihren sogenannten fortschrittlichen Standpunkt eingeheu. Daun aber begreise ich Ihre Enttäuschung in der Thal noch weniger. Wie. Sic wollen dem Fortschritt Schranken setzen, und bekennen sich zu demselben? Sic stellen den Kanon auf, daß derselbe vor dem Zeitbcwußrscin halt zu machen habe, doch dürfe er nicht die Grenze überschreiten, die noch von der Mehrzahl als unantastbar respcklirt werde.!Schluß folgt.) PiifijmfdK Aiisbriliiurg des CaiitHiinniiü. VIII. lieber die einschlägigen Zustände in der baycrscheu Rhein Pfalz liegt der Bericht des Advokatauwalts Mahta in Landau vor. Derselbe lonstatirt das Vorhandensein des Geld-, Kredit- und Vichwuchcrs, welcher allerdings nach dem Erlasse des betreffenben Reichsgesetzes vom 24. Mai 1880 abgcnommcu habe. Es ist jedoch nicht ersichtlich, worin der Wucher besteht. Daß die Handelsleute dem

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