Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1887)
- Article
- Rußland : Petersburg [Nachricht]
- Date
- 1887-09-15
- Page
- 589 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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רן &S9 Gleich am Tage meiner Ankunft in Moskau wurde ich von einem mir bekannten Redaklionsmitglicde genannter Blätter zu Herrn Katkow geführt, der mich freundlich empfing undseinen RedaktionSmitgtiedern vorstellte. In der Unterhaltung kan! auch die Rede auf die Juden im Süden und Westen des russischen Reiches. Katkow erkundigte sich eingehend über deren Zustände, wie viele von ihnen Kaufleute, Handwerker und Landwirthe sind, wie ihre Sitten und ihr religiöses Leben ist, über ihre Empfänglichkeit für Aufklärung und die Anzahl ihrer Schulen, und wie ihr Vcrhältmß zu den Christen ist u. f. w.. kurz, kein Moment auS dem Leben des JudenthnmS, das wir nicht besprachen. Auf meine Bemerkung, daß es blos ein Vorurthei! ist. Zu glauben, die Juden wollen separirt bleiben und ihr ganzes Streben sei nur Gelderwerb; vielmehr wünschen sie nichts inniger, als treue Söhne des Vaterlandes und nützliche Bürger desselben sein zu dürfen, antwortete mir Katkow: ״Ich weiß es, daß die Inden von jeher treu dem Lande sind, den! sie angehöreu, dieses Zeuguiß giebt ihnen auch die Geschichte, und wenn ihnen Zeit gelassen wird, werden sie auch in der Gegenwart gute Patrioten werden und dabei treu ihrem Glauben bleiben. Es ist daher mein Bestreben, daß ihnen das volle Bürgerrecht gegeben rverde; nur das darf man mit Recht von ihnen fordern, daß sie ebenso treu ihrem Baterlande wie ihrer Tradition seien und in ihrem Fühlen und Denken sich nicht von dem Russen unterscheiden." -Ich bemerkte darauf, daß, um dahin zu gelangen, der Wille allein nicht genüge, sondern die Hülfe von oben dazu uothwendig sei. ״Sie haben Recht," antwortete mir Katkow, ״ich stimme Ihnen bei, es ist dies ganz' meine Ansicht in der Judcnfrage, wie so viele meiner Artikel in dieser Angelegenheit beweisen können." Und er führte mir als Beispiel folgenden Passus aus einem Artikel, ״Zur Lage der Juden" betitelt, aus der ,.Mosk. Wed." au: ״Der Jude allein will kein Privilegium; er verlaugt nichts weiter, als daß man ihn nicht einschranke und cs ihm möglich werde, im weiten Rußland frei zu athmen und einmal das große russische Reich als seine Heimath, seine Mutter zu begrüßen. In diesem Punkte ist die jüdische mit der russischen Journalistik einig, und haben beide nur das eine Ziel vor Augen, und das ist, daß die Juden treu bleiben ihrer Religion und Abstammung und als solche treue Bürger seien." Im Verlaufe unserer Unterhaltung kam auch das Gespräch aus die Schule und ich bemerkte, daß cS mir unbegreislich ist, warum man in den Mittelschulen nicht der hebräischen Sprache dieselbe Sorgfalt wie dem Lateinischen und Griechischen widmet. Darauf antwortete Katkow: ״Es ist wahr, der Unterricht in der hebräischen Sprache wäre nothwendig an unseren Gymnasien, und ich glaube, daß rr auch bald eingeführt werden wird, wie in Deutschland und England. Ja, ich leugne nicht, daß auch der Talmud nützlich für die Entwickelung des Verstandes ist und er, außer den wenigen Mängeln, die er hat, ein sehr geeignetes Studium zur Erweiterung dcS Wissens ist, und die sich damit beschäftigen, ihre Geisteskräfte in Vorzuglicher Weise entwickeln/' XX Warschau. Dem ״Hamelitz" ist zu entnehmen, daß nach neuester statistischer Ermittelung im Gouvernement Kiew 309 512 Juden wohnen, was ] 3,4 Prozent der Gesamurtbevölkerung auSmacht. Die städtische jüdische Seelenzahl beträgt 34,l Prozent, die bäuerliche aber nur 3.3 Prozent der betreffenden Be> völkerung. In Berditschow wohnen mehr als 75 000 Juden. s Kierv. Rach der Meldung der Zeitungen sott ein ansehnlicher Theit der starken jüdischen Bevölkerung zu Rostow uud Taganrog, welche Städte durch die Einbeziehung derselben in den Dänischen Bezirk den Bekcnnern des JudenthnmS keine Heimstatte fernerhin gewähren dürfen, nach Mariopol ziehen wollen. Während aber die Behörde von Rostow sich, wenn auch vergeblich, im Interesse des Wohlstandes dieser Stadt für die fernere Beibehaltung des jüdischen Elements verwandt hat, ist von der städtischen Verwaltung iu Mariopol beschlossen worden, keinen Juden aufzunehmen, cs sei denn, daß vierhundert Bürger für einen bestimmten Juden um Aufnahme nachsuchcn. j|j Nischnei-Nowgorod, September. Der Gouverneur General Barauosf ist gegen einige (Siebenten, welche sich an Juden verarissen haben, sehr energisch vorgcgangen. Er hat sie unbarmherzig öffentlich auSpcitschcu lassen und darauf bekannt gemacht, daß er unnachsichtlich auch ferner mit aller Strenge jede Störung der Ordnung Niederhalten werde. Die persönliche Sicherheit zu schützen, sei die wichtigste Aufgabe der Behörden. England. London, 9. September. ES ist augenblicklich die Gründung eines Vereins hier im Werke, welcher den Zweck verfolgen soll, der Entweihung deS Sabbath vorzubeugen. Man hat hierbei insbefonderS die Arbeiterkreise im Auge und zwar zunächst solche, welche im AUgemcinen als gewissenhafte Juden sich führen. Die betreffen den Herren gehen von dem Gedanken aus, daß cö ihnen nur schwer gelingen kann, auf diejenigen Arbeiter, welche den Sabbath zum Werktage überhaupt machen, ersprießlich cinzuwirken. Sic wollen sich deshalb vorläufig darauf beschranken, durch eine vereinigte Thätigkeit die Schwierigkeiten zu beseitigen, welche dem den Sabbath selbst feiernden Arbeiter in mancher Hinsicht