Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1887)
- Article
- Wucherische Ausbeutung des Landmanns
- Date
- 1887-09-15
- Page
- 580 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- Hungen 1× ep/1044798
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580 es als Axiom, daß die Handclsinteresscn dem Interesse dcS Bauernstandes feindlich gegenüberftchen. Für ihn cxistircn, sobald der Handel von Bekenner» des JudenthumS betrieben wird, keine Kanflentc, sondern nur ״Viehjuden", ״Hanstrjuden", ״der Jude". Man erkennt hieraus die Anschauung des Berichterstatters, welche dem heutigen Stande der VolkSwirthschastSlehrc wenig entsprechend sein dürste. Es möchten wohl heute die Natioualökonomeu mit Laternen zu suchen sein, welche von einer feindlichen Gegnerschaft der Interessen des Handels und der Produktion zu reden wagen. Der Produzent gehr ohne den Kaufmann elend zu Grunde, das weiß jeder mit dem Verkehr nur einigermaßen Vertraute. Darum ist cs ein ungeheuerlicher Jrrthum, von einem Gegensatz der Handels- und Produktion-- intcressen zu sprechen; beide sind vielmehr völlig identisch. Je weniger der Produzent verdient, desto geringer ist der Nutzen des Handels. Und wenn auch der Kaufmann selbstverständlich sich vorzusehen hat, nicht zu thcuer cinzukaufen, so bestimmt er doch nicht den Preis der Produkte. Diese werden vielmehr von dem großen Weltverkehr rrgnlirt, dem er die Erzeugnisse/der Landwirthschaft und Industrie zufnhrt. Wie will der Bauer der Vortheile des Weltverkehrs 'theilhaftig werden, wenn der ״Handelsmann" fehlt, welcher ihm seine Produkte abkaust? Man traut kaum seinen Augen, tvcnn man heute in einem Werke, welches Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben will, den boruirten Gedanken ausgesprochen sieht: ״Diese zahlreiche Klasse (von Vieh- und Hausirjndeu) lebt mit zahlreicher Nachkonmicnschaft von den Erträgen des Zwischenhandels, schmälert um diese dem Bauer die Rente aus der Viehhaltung." Wer solches zu schreiben vermag/ erweist sich unfähig für die Bcurtheilung des öffentlichen Verkehrs. Daß aber der hessische ״Viehjude" den hessischen Bauer keineswegs anSbeutet, dies bezeugt Niemand unzweifelhafter als Herr Schade selbst. Er berichtet nämlich, daß der Landwirth ohne Beihülfe der Juden gar kein Geschäft abschließcn will. ״Will der einzelne Landwirt!) sein Vieh direkt kaufen und kommt in die Ställe seiner Mitbauern, ohne Beihülfe eines Viehhändlers wird er schwerlich zum Zweck kommen, oder cntmuthigt durch die Schwierigkeiten und 1mbefriedigt durch den Erfolg des Geschäfts es wieder aufgeben, gegen den Strom zu schwimmen. Der Bauer, zu dem der Käufer kommt, wird entweder gar nicht in ein Geschäft cintretcn oder übertriebene Fordcnmgen stellen, thcils weil er nicht handeln darf, tHeils weil er zu handeln sich nicht sicher fühlt ohne die Mithülfe und den Beistand seines Juden." *) Der Bauer setzt also viel größeres Vertrauen in ״seinen Juden" als in seinen Mitbaucr, daß er im Geschäfte nicht betrogen wird. Wer will uns glauben machen, daß der Bauer so dumm ist, einem StandeSgcnossen keine Kuh direkt zu verkaufen, wenn er nicht in der Beihülfe deö jüdischen Händlers seinen Vortheil sehen würde. Eine schlagendere Widerlegung der gcfaselten Ausbeutung des Landmannedurch den Juden läßt sich nicht denken. Um den Juden in das schlimmste Licht zu stellen, muß der Bauer zum tölpelhaftesten Dummkopf gestempelt werden, für welchen sich menschenfreundliche Vormünder in Gestalt von Antisemiten zur Verfügung stellen. Was in den! vorliegenden Berichte aber von einem Bündniß der Judeuschast zur Bewucherung des Landmanne-׳ gcfaselt wird, kann schlechthin als durchaus unwahr bezeichnet werden. Ehe man Derartigeauch nur andeutungsweise in die Ocfsentlichkeit h'mauSschickt, sollte man doch über Etwas ׳mehr als vage Verm nt Hungen verfügen können. Man verdächtigt nicht eine ganze Klasse von Mitbürgern und macht sie verächtlich, ohne Beweise in Händen zu haben. Nach der Art dcS hessischen Berichtes läßt sich Alles von Allen behaupten. Daß derselbe nicht als treue Darstellung der Wirklichkeit gelten kann, erhellt aber durch daS hier aus dem Berichte selbst Angeführte zur Genüge. (Fortsetzung folgt.) ׳ . MerschM. Treu und Frei. Gesammelte Reden und Borträge über Inden und Jndcnthum von Profcssor V1-. M. Lazarus. Leipzig 1887. Winter. (Fortsetzung.) Die Illusion, welcher der Synodalpräsident LazarnS sich in Leipzig hingab, war sehr bald so gänzlich zerstört worden, daß selbst dcS phantasievollen und um Phrasen niemalverlegenen Professor Philosophie sich als unzulänglich erwies, um das schmähliche Fiasko zu bemänteln. Ach, wie rasch hatten er und die Leipziger Genossen sich als trügerische Propheten erwiesen! Es war ein eigenthümlicheS Verhängniß, daß derselbe Mann, welcher in Leipzig so stolze Worte gesprochen, zwei Jahre später die sogenannte AugSbürg er Synode (II. bis 17. Juli 1871) mit foll) Seite 78.