Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1887)
- Article
- Deutschland : Hannover [Nachricht]
- Date
- 1887-09-01
- Page
- 555 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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555 Er saird somit seinen eigentlichen Lebensberuf in der Vertretung, Pflege 'und Verbreitung von Bestrebungen, die wir, und alle orthodorcn Organe unzweifelhaft mit uns, auS innerster Ucberzeugung perhorrcsziren. Diejenigen Männer, welche sich als die geistigen Führer i der Reform in Wort, Schrift und Beispiel bewähren, tragen den Abfall vorn Jndeurhu!» ׳!>. weitere Kreise. 3c größer ihre geistige Mgabung und je umfassender ihre Gelehrsamkeit ist, desto gewichtiger ist die Schuld, welche sie au dem religiösen Verfall der Gegenwart trifft. WaS wir dem Lebenden gegenüber zu vertreten als heilige Psticht erachten, das dürfen wir auch an deren Bahre nicht verleugnen. Wollten wir hier loben, so wäre unser Kampf gegen die Lebenden ein Verbrechen. Wir haben nur das Wort der Wahrheit zu reden. Wir glauben uns einer unziemlichen Schwäche schuldig zu machen, wollten wir am offenen Grabe einen andern Maßstab für die Veurtbcilung von Personen und Verhältnissen anlegen, als wir in dem Kampfe für die heiligsten Interessen zu handhaben gewohnt sind. DaS 'orthodoxe Judcnthum hat nicht als Leidtragender an der Bahre eines NcsormrabbincrS und eines Lehrers einer Schule der Reform zu erscheinen. Das ist unsere Ansicht, und wir scheuen uns nicht, unS zu derselben rückhaltlos zu bekennen. * Leipzig, 23. August. Der ״Jüd. Pr." wird aus guter Quelle von hier berichtet, daß die von den Anti׳ semitcn geplante Adresse an den Kronprinzen nun doch nicht zur Absendung gelangen soll. Wie cS scheint, haben die Extremen, die von vornherein nichts davon wissen wollten, in dm betreffenden Verhandlungen zu׳- letzt doch noch die Oberhand gewonnen und das Kuhnow- und Reklame-Projekt hinierlriebcn. Diese Herren wußten sehr wohl, daß sie beim künftigen deutschen Kaiser mit dieser Protestnote kein Glück gehabt haben würden. Deshalb wichen sie noch rechtzeitig kühn zurück. Sollte -Herr Knhnow qnaml nu-mo die Adresse noch nachträglich abschickm, so thut er cS eben auf eigene Rechnung und Gefahr. — Otto Glagan trug sich jüngst mit der Absicht, in Berlin ein täglich erscheinendes Blatt mit prononzirt antiscnlitischcr Tendenz herausgegeben. Bekanntlich ist ihm daS ״Deutsche Tagcbl." auf diesen! Gebiete viel zu gemäßigt und die ״Staatsbürgcr Atg." bei weitem nicht konsequent genug. Ein großer Thcil der Berliner Antisemiten verspricht sich von einer solchen Schöpfung nicht geringe politische Vorthcile. Diese Absicht GlaganS ist jedoch der ״Antis. Korrsp." sehr unbequem. Die Redaktion geht nämlich von der Ansicht aus, die geistige Führung liege vorwiegend in den Wochen- und Monatsschriften. In׳- zwischen wird hier erzählt, daß cs Otto Glagan bis jetzt nicht gelungen ist, die dazu nöthigen Kapitalien aufzutreibcn. Herr Luckhardt durste den antisemitischen Interessenten diese Reserve keineswegs verdenken. — Theodor Fritsch, um dessen Finanzen eS früher sehr arg bestellt war, beabsichtigt noch in diesem Monats einen antisemitischen BolkSkalender nach dem Muster des berüchtigten Antisemilen-KatechiSmuS herauszugeben. s Muttchen. 311 Veranlassung eines gegebenen Falls hat das Ministerium folgende Verfügung erlassen: ״Nach dem Sinne und Wortlaut der VerfassungSbestimmnng, daß in Angelegenheit des Glaubens und Gewissens Niemand einem Zwang unterworfen werden dürste, muß cS zwar den Eltern und Vormündern israclilischcr Schüler vollkommen srcigestellt werden, je nach ihrem individuellen Ermessen die fraglichen Dispense, wenn sie auch voraussichtlich nicht ohne alle störende Mitwirkung auf den Unterricht bleiben werden, sei es für alle Sabbathe und sonstige israelitische Feiertage oder auch nur für einzelne Tage dieser Art für Söhne und Münde! zu beanspruchen. Jedoch haben die bethciligtcn Väter und Vormünder zur Fernhaltung etwaigcr anderer Unzukömmlichkeiten jene Sabbathe und Festtage, für welche sie die in Rede sichenden Dispense für ihre Söhne und Mündel beanspruchen, dem bctreffenden Schulrektorate rechtzeitig und zwar schon am Anfänge dcö dctrcssendcn Semesters anznzcigen." Oesterreich-U ngarn. G. Wien, 26. August. Das zu KremS abgehaltene große Kreis-Turnfest gestaltete sich zu einer acht antisemiuscheu Kundgebung. Die böhmischen Turner wurden mit dem Rufe empfangen: ״Schaut's, da steh'n die böhmischen Inden!'' Als die Vertreter des dcutscheu Turnvereins zu Brünn ein Bild dcö Niederwald- Denkmals überreichten, schrie man: ״Berjndet! verjndel!" ES sollte eben in Krems nur das unverfälschte Schöncrcr'schc Dcutschthum zur Geltung kommen. Sobald ein Redner das Wort ergriff, welcher die Bethätignng der dentschnationalcn Gesinnung nicht im Judenhaß fand, wurde er unterbrochen durch die Nase: ״Sanjuden! Judengcnosscn! Judenkncchte!" Als der Vertreter der deutschböhmischen Turnerschast zu Rerchcnberg von den deutschfeindlichen Bestrebungen der Ezcchcn sprach, riefen die Wiener: ״WaS kümmern uns die Ezcchcn! Kampf den Juden!" Der hiesige Di׳. Wcit! of sollte die Festrede halten. Es kam aber nicht dazu, weil dieser wohlgesinnte acht deutsche.Herr, christlicher Geburt und christlichen Glaubens, als Jude und Indmknecht stigmatisirt wurde. Als das Banner des Prager deutschen Turnvereins geschwenkt wurde, begrüßte man dasselbe mit dem Ruse: ״Gut Hail, du koscherer Turnverein!" Der Obmann desselben, RegierungSrath und Professor Dr. Kick (Christ), wurde mit dem Rufe ״Iud'!" und ״a koscherer Mann!"