Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 33 (18.8.1887)
- Article
- Rußland : Warschau, 10. August [Nachricht]
- Date
- 1887-08-18
- Page
- 525 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2932754-2932755-2932788--25789-2936339- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
525 das Reich am besten wäre, läßt sich kurz dahin zufanmicnfaffcit: Aushebung aller die Juden im Gegensatz zu den Christen in ihrem Erwerbsstreben hindernden Bestimmungen. Darin ist begriffen: das Niederlassung-- recht in allen Gouvernemcutsbezirkcn und die Aus- Übung aller Zweige des Handwerks, der Landwirthschast, der Industrie, des Handels, der Kunst und der Wissenschaft neben Befreiung von allen besonderen Lasten. Der Vetriebsfleiß, die Gewandtheit und die Intelligenz der Juden sind notorisch; und ebenso notorisch ist cs, daß der nationale Wohlstand um so krustiger sich entwickelt, je energischer sich die nationale Kraft bcthatigen kann. Es liegt deshalb im Interesse eines Staat-, der wie Ntlßlaud eine nach Millionen zählende jüdische Bevölkerung aufzuweisen hat, der Krafteutfaltung der Jttden keine Hemutnisse zu bereiten. Dieses liegt so sehr auf der Hand, daß es wunderbar ist, wie solches übersehen werden kann. Die Lösung der Judenfrage in diesem Sinne involvirt zugleich die Lösung der ökonomischen Schwierigkeiten im russischen Reiche überhaupt. * Warschau- 13. August. ״Nach hier eingegangene Nachrichten aus Podvlicn herrscht unter den dortigen Juden eine gewaltige Aufregung. Allen Juden fremder Uutcrthaneuschast ist der Beseht zngegaugeu, das Land zu verlassen. Um sich nämlich der Militär- Pflicht zu cutzieheu, nehmen die Inden scheinbar fremde Unterthanenschaft an, mcisteus die türkische und die rumänische. Alle Diejenigen nun, welche türkische oder rumänische Paßkarten besitzen und nie den Kreis vcrlassen haben, sind nun gezwungen, Rußland zu verlassen. Ihre Lage wird unl so fataler, als, wie verlautet, weder die Türkei noch Rumänien sic anfnehmen will. Die Juden verkaufen ihre Häuser zu Spottpreisen. Rechnet man, daß in den kleinen Städtchen solcher fingirten (?) fremden Untcrthanen dnrchschnitt-!ich etwa Lt) Familien sitzen, so würde diese Gesummtzahl für ganz Podolien einige Tausend betragen. Ferner haben alle Juden, welche nach dem Jahre 1 SSI sich ans Dörfern niedergelassen haben, den Befehl erhalten, in die Stadt zu ziehen." So schreibt ״die Kreuzzeitung." Dieses Blatt, das. stets mit einer gewissen hämischen Befriedigung auf die anlijüdische Agitation in Rußland hinschaute, das stets gegen die deutschen Juden, die ״Fremden" im deutschen Reiche, geharnischt vorgcht, bringt — cs ist charakteristisch für die Konsequenz des Blattes — dicht unter obiger Notiz folgenden Bericht über die Bedrückung, welche die Russen den wirklich Fremden in ihrem Reiche, den Deutschen, angedeihcn lassen, worüber sie natürlich stets und mit vollem Rechte höchst empört ist. ״Das Ansländcr-Gcsetzt vom 14. März bekommen die Deutschen (jo wird der ״Petcrsb. Ztg." beschrieben) hier in jeder Weise derbe zu fühlen, weniger durch Dasjenige, was in dem Gesetze wirklich steht als durch das, was Dieser, oder Jener hinein oder heraus!iest, wie cS seinen Interessen eben paßt. Wem der Deutsche als Kouünrent unbequem ist, bei dem erwachen .mehr als zuvor die häßlichen Triebe; gar zu gern möchte er zu dem Deutschen sagen: ״Steh auf, geh weg, ich möchte mich an Deinen Platz setzen; ich-möchte ernten, wo Du gcsäet hast — Du bist ja ein Deutscher, wohl gar ein Ausländer, Du gehörst also nicht in unsere Mitte!" Nach diesem Prinzipe hat man auch einen harmlosen Müller zu vertreiben gesucht und nur durch die Dazwischcnkunft des Dorfältcstcu ist verhütet worden, daß nicht der Deutsche gctödtct wurde, da die Russen auf Grund des Ukas vom 14. März in der Thal glaubten, der Deutsche sei vogelsrci." Das sind die Konsequenzen der Jndenhetze, in welcher sich der nackte EgrismuS offenbart. Wo das Ncchtsbcwußtsein durch den Anti-- scmitlsmus erschüttert wird, da ist jeder Ohnmächtige schutzlos und unberechtigt. Sowohl daS Vorgehen gegen die Inden als auch gegen die Deutschen ist vor dem Tribunal des Rechts und der Zivilisation gerichtet. Jedoch soll die ״Krcuzzeitnng" nicht vergessen, daß, wenn überhaupt bei solchem Frevel von Recht oder Unrecht die Rede sein kann, den Juden mehr Unrecht geschieht, da sie ja in facto keine Fremde sind, sondern russische Staatsangchörigc, während die Deutschen in Rußland lhatsächlich als Fremde inMierhir! angesehen werden können. Wir wollten der ״Krelizzeitnng" hiermit nur ihre Inkonsequenz selbst ml ociilos demonstrircn. " Porisow, 6. August. Eine große Feuersbrunft legte die halbe Stadt in Asche. Der größte Thcil der niedergcbranuten Häuser gehören Juden. Eine große Anzahl Familien ist gänzlich verarmt. Das Elend ist unbeschreiblich; Männer, Frauen und Kinder lagern von Allem entblößt im Freien. '11!1* Livland- 8. Augst. Es verlautet, daß die Zahl der jüdischen Studircnden an der UnilUTjifät zu D orpat, welche jetzt 240 unter 1600 Studenten beträgt, künslighin sehr beschränkt werden soll. Vom kommenden Jahre an solltn nicht mehr als j 5 Prozent Juden inskribirt werden. Es ist sehr traurig, daß dem Streben der Juden nach wissenschaftlicher Bildung ein Hemmschuh angelegt werden soll. Man sollte doch annehmen, daß cs dem Staatswohle nur frommen kann, wenn eine intelligente Bevölkerung nach immer weiterer Bervollkommnng in der Wissenschaft strebt. Es scheint aber, als ob der Beitrag, welchen! die Juden zu dem geistigen und materiellen National- | reicht hum stellten, als eine Schädigung betrachtet wird.; Ans allen Gebieten säugt man an, durch Zählungen! den Anthei! der Inden fcstzustcllcn und findet ihn j immer zu hoch.